Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

0

Eine Hand legte ſich leiſe auf ihre Schulter, und dieſe Berührung weckte ſie aus ihrem trüben Sinnen.

Es war Conrad von Serming, der Gemahl der geſtorbenen Freundin, der ihr liebevoll be⸗ ſorgt in das ſchöne Antlitz ſchaute.Sie ſehen bleich aus und leiden, theuerſte Giſela, ſagte er theilnahmsvoll,Sie bedürfen der Ruhe. Drei Nächte haben Sie an dieſem Sterbebette gewacht, jetzt aber müſſen Sie nicht mehr der Todten, ſon⸗ dern der Lebenden gedenken, Sie müſſen ſich ſcho⸗ nen für ihre Freunde. Mein Wagen ſteht ſchon ſeit Stunden angeſpaunt, damit ich, ſobald hier der Tod erfolgt, ſogleich bei Hofe davon die An⸗ zeige machen könnte; geſtatten Sie, daß ich Sie zuvor in Ihre Wohnung führen darf.

Sie wollen ſelbſt zu Hofe? fragte Giſela mit vorwurfsvollem Ton.Wie kalt muß das Herz ſein, wenn der Kopf an alle dieſe Kleinig⸗ keiten der Etiquette denken kann.

Dann neigte ſie ſich über die Todte und küßte ihre Lippen und drückte ihr mit leiſer, ſchonender Hand, als fürchte ſie noch ihren Schlummer zu ſtören, die großen Augen zu, deren Feuer auf immer erloſchen war, und Giſela's eigenen Augen entſtrömten Thränen, die das Geſicht der Ster⸗ benden bethauten.

Lebe wohl, Emma, lebe wohl, flüſterte ſie leiſe,und wenn es eine Ewigkeit giebt, ſo wer⸗ den wir uns dereinſt wiederſehen!