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Neuigkeiten über eine andere Perſon erfahren wollte, ich weiß nicht, wie es kam, ich gewöhnte mich an Ihre tägliche Beſuche; ich glaubte bloß Freundſchaft für Sie zu hegen... aber die Zeit, während der ich Sie nicht ſah, ſchien mir eine Ewigkeit. Schon be⸗ fürchtete ich, ich liebe Sie als Freund zu innig. Jul⸗ chen ſprach oft mit mir von Ihnen und behauptete, ich
hätte zu hart gegen Sie gehandelt... da beſuchten
Sie mich wieder, ſprachen aber kein Wort mehr von Ihren Gefühlen... ich überzeugte mich, daß Sie nicht mehr an mich denken, und dieß machte mir Kummer. Ich wollte Sie nicht lieben, und wollte doch von Ihnen geliebt ſein; das iſt ſehr lächerlich, nicht wahr? Ich fühle, daß ich meinen Kräften zu viel zugetraut habe. In meinem Alter darf man kei⸗ nen Freund wie Sie haben; unſer Herz täuſcht ſich manchmal hierin!“
„Wenn ein Anderer den Schatz, den er beſaß, nichtzu würdigen gewußt hat, müſſen Sie ſich deßhalb Ihr Le⸗ ben lang zu einer kalten Gleichgültigkeit verdammen?“
„Aber, wenn ich Sie liebe, bin ich dann nicht ſehr ſtrafbar?“
Sie liebt mich! Eben iſt ihr dieſes Geſtändniß entſchlüpft und in ihrer Verwirrung verbirgt ſie ihre
ſchönen Augen und will ſich von mir wegwenden.
Ich ergreife ihre Hand und bedecke ſie mit Küſſen.. Auf einmal klopft man an meiner Thüre. Verfluchter Beſuch! Auguſtine erblaßt, ſteht auf und ſieht mich mit Schrecken an.„Ich öffne nicht,“ ſagte ich leiſe zu ihr.


