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er ſah, daß ich nicht hören wollte. Perey's offenbarer Aerger und die Vorwürfe, die mir mein Gewiſſen machte, trugen nicht wenig dazu bei, mich zu beunruhigen, wie Du Dir denken kannſt. Ich blickte zurück, was ich in Oakwood geweſen war, und der Gegenſatz meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart gab mir Grund genug, mich elend zu fühlen. Grade als meine Brüder nach dem Colleg zurückkehrten, ſchrieb ich einen langen, ſehr langen Brief an Dich, in dem ich meinen thörichten, ich ſollte ſogar ſagen ſündlichen Gefühlen Luft machte. Zu ſeiner Vollendung brauchte ich mehrere Stunden, und um über ſie verfügen zu können, übereilte ich die Arbeiten für meine Lehrer und gab ihnen Veranlaſ— ſung, mehre Tage über meine Trägheit und Unachtſamkeit gegen Miß Harcourt förmlich zu klagen. Ihre Vorſtellungen, ich ſchäme mich es zu ſagen, hatten nur die Wirkung, meine üble Laune zu ſteigern. Endlich hatte ich meinen Brief an Dich fertig, er würde aber, hätteſt Du denſelben empfangen, eine Geduldsprobe für dich geweſen ſein, denn er beſtand aus zehn oder zwölf enggeſchriebenen Seiten, und ich hatte darin meine Unzufriedenheit und mein Mißbehagen ſo ſehr übertrieben, daß Jedermann gedacht haben müßte, ich hätte keine frohe Stunde mehr. Ich falzte den Brief und ſtand im Begriff denſelben zu ſiegeln, da trat Mama in mein Zimmer. Ich muß Dir ſagen, daß ich von ihren Lippen noch keinen Vorwurf gehört hatte, wiewohl ich es ſchon lange verdient haben würde; ſie pflegte bei jedem Ausbruch meiner Laune ein ſehr betrübtes Geſicht zu machen, aber ſie hatte nie darüber ein Wort verloren. Ich zitterte faſt, als ſie eintrat, denn es fiel mir ein, daß Miß Harcourt an dieſem Morgen geſagt hatte, ſie müſſe ihr Monſieur Deville's und Signor Rozzi's beſtändige Klagen mittheilen. Ohne indeß darauf einzugehen, ſetzte ſie ſich zu mir und fragte mich mit ihrem gewöhnlichen gewinnenden Lächeln, das mich viel ſchmerzlicher berührte als Worte gethan haben würden, ob ich wirklich dieſen langen vertraulichen Brief an dich ſiegeln und abſchicken wolle, ohne ihr denſelben gezeigt oder mit⸗ getheilt zu haben. Sie konnte gut fragen, liebe Mary, denn
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