Teil eines Werkes 
1. Buch (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

kleidet warf er ſich auf die ſeidenen Kiſſen ſeines breiten Lagers, aber der Himmel und die Engelsköpfchen, die in dem blauen Atlasgrund deſſelben geſtickt waren, lä⸗ chelten ihm diesmal keinen Schlummer, keine Träume zu. Er lag mit offenen Augen und ſah, wie Strahl um Strahl des nahenden Morgens ſich durch die Fal⸗ ten der Fenſtervorhänge ſtahl.

Bis hierher hatte er unter dem unmittelbaren Ein⸗ drucke der Inſpiration geſtanden. Was er gethan hatte, hatte er gethan, weil ſein Herz und der Augenblick es ihm ſo eingegeben hatte. Er hatte eine Bettlerin ge⸗ troffen, welche wie tauſend andere in dieſem großen, an Elend reichen London des Nachts auf der Straße ſtand und ſang, um ſich von heimtaumelnden Schwär⸗ mern und Schwelgern ein letztes Almoſen in den Staub werfen zu laſſen. Der eigenthümlich ſchwermuthsvolle Ton ihres Geſanges hatte ihn angezogen, indem er vor⸗ beiging, er blieb ſtehen, er trat näher. Er ward dann Zeuge, wie das Mädchen, welches geſungen hatte, von inem Weibe, deſſen bloße Worte ſchon unheimlich und ſchauerlich klangen, gemißhandelt wurde, wie ſie weinte und ſchluchzend den Himmel bat, ihrem qualvollen Da⸗ ſein ein Ende zu machen. Dann war er aus ſeinem Verſteck herangetreten und wie vorhin der Ton ihrer Stimme, ſo hatte ihn jetzt der Ausdruck ihres Geſichtes auf eine wunderbare Weiſe gefeſſelt und magiſch beſtrickt. Wenn dieſe Stimme gerufen und dieſes Antlitz ſich em⸗ porgewendet hätte, ſo würde er ſich in einen reißenden Strom geworfen haben, um ſie zu retten. Er umfaßte ſie, die Widerſtrebende, er trug ſie, ungeachtet ihres