Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 4. Band (1857)
Entstehung
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tzte ſeit einigen Tagen die ganze Ariſtokratie von Wien in Aufruhr. Schreckensbleich und ſchaudernd vor Entſetzen flüſterte man einander in's Ohr, das kaiſerliche Hof⸗ gericht habe ſein Urtheil geſprochen über den Grafen Podſtadzky⸗Liechten⸗

ſtein, es habe ihn, gemäß dem neuen Joſephiniſchen Geſetzbuch, ver⸗.

dammt zu lebenslänglicher Zuchthausſtrafe und zum Gaſſenkehren im Sträflingsanzug der gemeinen Verbrecher.

Aber dies war noch nicht Alles! Noch eine andere fürchterliche Kunde machte die vornehmen Familien des Adels und des Militairs erbeben. Vor einigen Wochen war der Garde⸗Obriſtlieutenant von Szekuly plötzlich aus der Geſellſchaft verſchmunden, und ſeine Freunde ſuchten ſich vergeblich dieſes unerwartete und eimnißvolle Verſchwinden zu enträthſeln. Freilich ſagte ſein Diener aus, der Herr Obriſtlieutenant habe eine Reiſe nach ſeiner Heimath, nach Ungarn angetreten, aber er ſagte das mit ſo ſcheuen, ängſtlichen Blicken, ſo ſichtbar verſtörtem Weſen, daß Niemand an dieſe Reiſe glauben mochte. Und der ungariſche Obriſtlieutenant von Szekuly hatte ſehr viele Freunde! alle dieſe ungariſchen Ariſtocraten, welche in Wien lebten, waren mit ihm befreundet und liirt, in allen Soireen der vornehmen Welt war der liebenswürdige, joviale und geiſtvolle Obriſtlieutenant ſtets eine will⸗

kommene und begehrte Erſcheinung geweſen, und in zuvorkommender Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 8 1