J. Die Pasquille.
Die ganze Nacht hindurch hatte der Kaiſer mit ſeinem vertrauten Secretair Günther gearbeitet. Der Morgen war herein gebrochen, es war heller Tag geworden, und noch immer ſchien der Kaiſer nicht geneigt, ſich Ruhe zu gönnen, und ſeine Geſchäfte zu unterbrechen. Er war ſeit einigen Tagen erſt von ſeiner Reiſe nach den Nieder⸗ landen zurückgekehrt. Ueberall dort hatte ihn das Volk mit begeiſtertem Jubel empfangen, überall hatte er die Herzen gewonnen durch ſeine Leutſeligkeit und Güte; nur die Prieſter, die Biſchöfe und Geiſtlichen hatten finſter dreingeſchaut, denn der Kaiſer, welcher allen ſeinen Landen dieſelben Geſetze, dieſelben Freiheiten und dieſelbe Aufklärung geben wollte, der Kaiſer hatte auch in Belgien ſeine neuen Religions⸗ geſetze verkünden laſſen. Auch dort ſollte die Prieſterſchaft ihre tyranniſche Herrſchaft über die Gewiſſen der Menſchen verlieren, auch dort ſollte das Volk befreit werden von der Herrſchaft der Kirche, und die Geiſtlichkeit unterthänig werden dem Kaiſer und den Geſetzen des Landes. Das war ein Donnerſchlag geweſen für die mächtige und und hochmüthige Prieſterſchaft Belgiens, und zornige Blitze waren in ihren Augen aufgeleuchtet. Aber der Kaiſer hatte ſich den Anſchein gegeben, ihre zornigen Blitze nicht zu ſehen, und ihre Klagen, die ſte, ſo länge Joſeph da war, doch nur halblaut zu murmeln wagten, gar nicht zu hören. Er war nicht gekommen um der Prieſter und Mönche, ſondern nur um des Volkes willen, er buhlte nicht um die Gunſt der mächtigen Biſchöfe, ſondern nur um die Liebe des armen
machtloſen Volkes, und wenn die Prieſter ihn leiſe einen ſtolzen Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 4 1


