Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 1. Band (1857)
Entstehung
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ſ zuwerfen. Ew. Majeſtät haben den böſen Feind citirt, und da er gekommen iſt, müſſen wir nun ſuchen ihn zu beſchwörkn und ihn uns zum Freunde zu machen, daß er uns nicht ſchade! Wenn Rußland einmal mitſprechen und regieren ſoll in Deutſchland, ſo iſt es beſſer, es ſteht uns zur Seite, als daß wir es uns gegenüber auf Preußen's Seite ſehen. 2

Aber Rußland iſt ſeit lange Preußens Bundesgenoſſe, rief die Kaiſerin ſinnend.

Es kommt alſo darauf an, ihm dieſen Bundesgenoſſen zu ent⸗

ziehen. Es iſt eine Fortſetzung des Zwetſchkenrummels, und vielleicht

gewinnen wir wenigſtens auf dem diplomatiſchen Felde Preußen eine

Schlacht ab und entziehen ihm einen Bundesgenoſſen. Das zu ver⸗

ſuchen iſt meine Abſicht. Ich wiederhole alſo meine Bitte: erlauben

mir Ew. Majeſtät eine Reiſe nach Rußland zu machen!

Die Kaiſerin ſah ihn mit einem langen, zärtlichen Blick an. Es iſt alſo Dein Wunſch, mein Sohn, dieſe Reiſe zu unternehmen?

Ja, Majeſtät, es iſt mein Wunſch.

Weil es ſo iſt, gebe ich meine Einwilligung, nicht weil ich mit

dem Plan und Zweck dieſer Reiſe übereinſtimme, ſagte Maria Thereſta

lebhaft. Ich wünſchte aber meinem Sohn zu beweiſen, wie gern ich

ihm gefällig ſein und ihm jeden Wunſch befriedigen möchte.

Der Kaiſer verneigte ſich, ohne ein Wort zu erwiedern.

Maria Thereſia ſeufzte und ein ſchmerzlicher Ausdruck zuckte über ihr Antlitz hin.

Wann gedenkſt Du dieſe Reiſe anzutreten?

Sobald als irgend möglich, denn wenn mich nicht Alles täuſcht,

i*ſt es gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um Preußen den vielgeliebten

Bundesgenoſſen zu entreißen und ihn zu uns herüberzuziehen!

Ich werde alſo bald wieder meinen geliebten Sohn und Kaiſer

entbehren müſſen? fragte die Kaiſerin zärtlich. Und ich fürch

mein Sohn ſcheidet ohne Bedauern von mir, und wird auf

großen Reiſe wenig ſeiner Mutter gedenken, deren zärtlichſte Wuün

ihn überall hinbegleiten!

Ich werde auf dieſer Reiſe ſtets meiner Kaiſerin gedenken und mich erinnern, daß ich eine Miſſion zu erfüllen und meiner Kaiſer einen Bundesgenoſſen zu erwerben habe. Aber ich habe zu die