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Aber gerade dieſe ſtumme Nachgiebigkeit, dieſes ſanftmüthige Unterordnen des Kaiſers beängſtigte Maria Thereſia. Sie hätte eine ſtürmiſche Scene dieſer kalten, ſchweigenden Ruhe vorgezogen, ſie hätte lieber von Joſeph Vorwürfe hören mögen, als ihn ſich ſo kalt, ſo ergeben und doch unnahbar gegenüber zu ſehen!
Ich muß dieſem beängſtigenden Zuſtand ein Ende machen, ſagte Maria Thereſia zu ſich ſelber, ich muß Joſeph zwingen, ſich mit mir auszuſprechen.
Und dieſer neue Entſchluß machte ſie freudig und zuverſichtlich, und verſcheuchte die Schatten von ihrer hohen Stirn. Mit unge⸗ theilter Aufmerkſamkeit wandte ſie ſich jetzt wieder dem glänzenden Geſellſchaftskreis zu, der ſie umgab, und mit einem ſtolzen, ſelbſtzu⸗ friedenen Lächeln nahm ſie die Glückwünſche entgegen, welche die Ge⸗ fandten aller europäiſchen Mächte ihr darbrachten. Selbſt für den preußiſchen Geſandten hatte ſie freundliche und zuvorkommende Worte, und von dieſem ſich ab- und dem neben ihm ſtehenden ruſſiſchen Ge⸗ ſandten zuwendend, ſagte ſie mit lauter Stimme: Ich bin vor Freuden über dieſen Frieden außer mir. Ich habe keine Vorliebe für den König von Preußen, aber ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er hat edel gehandelt. Er hatte mir verſprochen, billige Be⸗ dingungen zu machen, und er hat Wort gehalten.*)
Aber nachdem die feierliche Gratulations⸗Cour beendigt war, und die Kaiſerin wieder in ihre Privatgemächer zurückgekehrt war, ſandte ſie ſofort einen ihrer Kammerherrn zu Joſeph und ließ ihn um ſeinen Beſuch bitten.
Wenige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Kaiſer Joſeph trat ein.
Maria Thereſia ging ihm mit einem freundlichen Lächeln ent⸗ gegen, und ihm beide Hände darreichend, ſagte ſte zärtlich: Ich dank' Dir, mein Sohn, daß Du meinem Ruf gefolgt biſt. Mein mütterlich Herz hatte gar groß Verlangen, Dich zu ſehen, und ich ſehnte mich, Dich meinen Kaiſer und Mitregenten, an meiner Seite zu haben.
Sie hielt ihm noch immer ihre beiden Hände entgegen, aber Jo⸗
*) Hiſtoriſch. Siehe: Groß⸗Hoffinger I. S. 411.


