Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 1. Band (1857)
Entstehung
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Ich werde ſte ſprechen, Majeſtät, ſagte Kaunitz mit ſtolzer Würde. Ew. Majeſtät weiß wohl, daß keine Macht der Erde mich dazu bringen könnte, ſie zu verſchweigen. Ich werde die Wahrheit auch jetzt ſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie Ew. Majeſtät unangenehm iſt.

Das heißt, Er iſt der Anſicht des Kaiſers? fragte Maria Thereſia unwillig, während der Schimmer eines Lächelns über das Antlitz des Kaiſers hinfuhr, und er ſeine Augen mit einem freudigen Ausdruck auf das ernſte, ſtrenge Geſicht des Fürſten heftete.

Ja, ich bin der Anſicht des Kaiſers, erwiderte Kaunitz langſam. Oeſterreich hat das Recht und die Pflicht, ſich dieſe Erbſchaft anzu⸗ eignen, welche der Wille Ihrer Ahnen und die Gunſt der Verhältniſſe Ihnen darbietet, und welche zurückzuweiſen ein Unrecht und ein Fehler wäre. Man muß ſich aber in der Politik vor allen Dingen hüten, Fehler zu begehen, weil dieſe ſich immer am bitterſten an Demjenigen rächen, der ſte begangen hat, und ſelten auf Andere zurückfallen. Ein Feher aber wäre es, wenn Oeſterreich dieſen Moment unbenutzt vor⸗ übergehen laſſen würde, wo es ſeine Macht in Deutſchland befeſtigen und ſtärken, ſeine Grenzen erweitern könnte, indem es ohne Schwert⸗ ſchlag eines der ſchönſten und geſegnetſten Lande Deutſchlands ſich zu eigen macht.

Ohne Schwertſchlag? fragte Maria Thereſia haſtig. Ew. Durch⸗ laucht meinen alſo, daß unſere Feinde ganz geduldig zuſchauen würden, wie wir uns zueignen, was uns doch ſicher nit durch unbeſtrittenes Recht gehört? Ohne Schwertſchlag ſollte Baiern unſer werden?

Ohne Schwertſchlag, wiederholte Kaunitz langſam. Und wer, ich frage Ew. Majeſtät, wer ſollte denn das Schwert nehmen, um uns zu bekämpfen? Frankreich hat durch politiſchen und Familienbund dem Recht entſagt, feindlich gegen uns aufzutreten.

Ich will Ihm indeß nicht rathen, allzuſehr auf Frankreichs Freund⸗ ſchaft zu zählen, unterbrach ihn Maria Thereſta. Marie Antoinette herrſcht wohl über das Herz König Ludwigs, aber ſeine Miniſter herrſchen über ſeinen Kopf, und die werden, wenn es ihre Politik erfordert, gar gern geneigt ſein, den Familienbund zu brechen.

Aber Frankreich iſt dennoch außer Stande, wider uns aufzutreten, fuhr Kaunitz fort. Seine Finanzen ſind erſchöpft und es rüſtet ſich außerdem ſoeben, einen Krieg zu unternehmen für Nordamerika's