Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 1. Band (1857)
Entstehung
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I. Der Tod des Churfürſten von Baiern.

In den Galagemächern der kaiſerlichen Hofburg zu Wien bewegte ſich eine glänzende, von Brillanten, Ordensbändern und Sternen fun⸗ kelnde Geſellſchaft auf und ab. Nicht allein der ganze hohe Adel Wiens, ſondern die Ariſtokratie der ganzen öſterreichiſchen Monarchie war an dieſem Abend in der Hofburg erſchienen, um der Kaiſerin Maria Thereſia und dem erſt kürzlich von ſeiner Reiſe heimgekehrten Kaiſer Joſeph ihre Huldigung darzubringen. Es war der erſte Januar des Jahres 1778, und da der Neujahrstag der einzige Gala⸗ tag war, den Kaiſer Joſephs neue Verordnungen dem Kaiſerhofe ge⸗ laſſen hatten, ſo beeilte ſich Jedermann, dieſen Tag zu benutzen und ſich im reichſten Coſtüm und allem Schmuck der Brillanten und Orden darzuſtellen.*

Die Kaiſerin Maria Thereſia war wie immer in ihren dunklen Unterkleidern geblieben, und die große Einfachheit ihres dunkelgrauen, langſchleppigen Gewandes, das durch keine Ve zierung, keinen Schmuck gehoben ward, contraſtirte ſeltſam zu den ſchimmernden Gewändern, den Blumenguirlanden, den funkelnden Brillanken der übrigen Damen. Aber dennoch, trotz ihrer Einfachheit und ihrer unſcheinbaren Ge⸗ wänder, erkannte man in dieſer hohen, ſtolzen Geſtalt, welche da um⸗ geben von den kaiſerlichen Prinzeſſinnen die Säle durchſchritt, die Kaiſerin, die gebietende Frau. Niemand außer ihr trug das Haupt ſo erhoben und aufrecht, keine andere Frau hatte einen ſo flammenden, gebieteriſchen Blick. Maria Thereſia war noch immer die Kaiſerin und die Herrin, aber ſie war eine alte Frau geworden!

Aaiſer Zoſeph. 3. Abth. I. 1