Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 4. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

150

geweſen, welcher auch bei der Krönung die Hand an ſeine Krone legte und ſagte:Sie ſticht mich!*) Die dem König Ludwig nahe⸗ ſtehenden Perſonen wurden frappirt von der Aehnlichkeit dieſer beiden Ausrufe, und ſelbſt der Cardinal von Rheims erbleichte, und ſchaute mit einem Blicke voll Trauer und Entſetzen auf den König hin.**) Seltſam, flüſterte der Fremde. Ein Schauder, den ich mir ſelber nicht erklären kann, erfaßt mich bei dem, was Sie da ſagen, und doch muß ich mir geſtehen, daß dieſes Alles thöricht und müßig iſt. Junger Mann, ſagte Rouſſeau ernſt, thöricht iſt es nur, die wun⸗ derbaren Zuſammenhänge zwiſchen den Schickſalen der Menſchen und den kleinen Ereigniſſen, welche ſie andeuten, leugnen zu wollen. Die Geheimniſſe der Welten ſind unergründlich, und wehe Denen, welche nur glauben, was ſie begreifen. Auch über den Schickſalen der Men⸗ ſchen ſchweben Geheimniſſe, und vielleicht, wenn wir dieſe enträthſeln könnten, würden wir unſer Schickſal lenken können. Es hat ſeine Pha⸗ ſen und ſeine Verpuppungen, und wenn wir ſie kennten, würden wir daraus auf die Weiterbildung ſchließen, und unſere Vorkehrungen treffen können. Man ſoll alſo die Zeichen, welche uns gegeben werden, und ſich an große Begebenheiten in dem Leben der Menſchen knüpfen, nicht gering achten, ſondern ihnen nachſpüren, um zu erforſchen, worauf ſie hindeuten. Giebt es noch mehr ſolcher Zeichen im Leben des Königs? Wollen Sie dieſelben noch weiter verfolgen, ſo denken Sie doch an all' das, was ſich zutrug bei der Vermählung des Dauphins mit der Erzherzogin von Oeſterreich. An der Grenze von Frankreich betrat Marie Antoinette, nachdem ſie ihre deutſchen Begleiterinnen verlaſſen hatte, das Zelt, in welchem ſie, der Etiquette gemäß, ihre Kleider wech⸗ ſeln, und in Frankreich gewebte Stoffe anlegen ſollte. Die Wände dieſes Zeltes waren mit den koſtbarſten Gobelins verhangen, aber die Gobelins ſtellten alle Scenen voll Blut und Greuel vor, und man ſah da das Maſſacre der unſchuldigen Kinder, die Niedermachung der Maccabäer in furchtbar lebendigen Gruppen dargeſtellt. Marie An⸗

*) Heinrich III. ward bekanntlich ermordet. **.) Campan, I, 115.

+̈