Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 4. Band (1857)
Entstehung
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141 XVI.

Ein Beſuch bei Jean Jacques Nouſſeau.

Vor einem kleinen niedrigen Hauſe im Dorfe Montmorency, un⸗ weit Paris hielt ein Fiacre an, und ein großer, ſtarker Herr, in ein⸗ facher, ſchlichter Kleidung, ſprang heraus, und näherte ſich der Thür, in welcher eine Frau ſtand, die Arme auf die Hüften aufgeſtützt, und mit großen, trotzigen Augen den Fremden anſtarrend.

Wohnt hier Herr Rouſſeau? fragte der Herr, indem er leicht mit ſeiner Hand ſeinen Hut berührte.

Ja, mein Mann wohnt hier, ſagte die Frau verdrießlich.

Der Herr lächelte. Ah, Sie ſind alſo Thereſe Levaſſeur, des großen Philoſophen Lebensgefährtin? fragte er.

Das bin ich, und Gott weiß, daß es ein trauriges Leben iſt, welches wir führen, rief Aersſe heftig.

Sie beklagen Sich, Madame, und ſind doch die Gattin eines edlen, guten und berühmten Mannes?

Mein Herr, von der Berühmtheit kann man nicht leben, und daß Jean Jacques edel und gut iſt, das iſt gerade unſer Unglück. Er giebt ſo lange er hat, und vertraut den Menſchen, bis ſie ihm Alles geſtohlen haben, das iſt, was wir von ſeiner Güte und ſeinem Edel⸗ muth haben. Man kann dabei verhungern und zu Grunde gehen!

Der Fremde warf einen langen, traurigen Blick auf dieſe Frau, deren ſtarke, rohe Züge, deren geröthete Wangen etwas unendlich Ge⸗ meines und Niedriges hatten.

Ich bitte Sie, mich zu Herrn Rouſſeau zu führen, ſagte er in ziemlich gebieteriſchem Tone.

Ich werde das nicht thun, erwiderte Thereſe Levaſſeur trotzig. Leute, welche wie Sie, ohne Bediente und im Fiacre kommen, ſollten wenigſtens beſcheiden bitten. Herr Rouſſeau iſt nicht für Jedermann zu ſprechen!

Ah, das ſind ja ſeltſame Grundſätze, welche ich da vor der Thür

des großen Philoſophen vernehme, rief der Fremde lachend. Man ſieht

alſo auch hier nicht bloß auf den Menſchen, ſondern auf ſein Kleid!