I. Die Flucht.
Gräfin Leonore kehrte ſoeben heim aus der Kaiſerburg. Sie hatte dort einem glänzenden Hoffeſte beigewohnt, welches Maria Thereſia zu Ehren ihres Sohnes, des Kaiſers Joſeph, gegeben, und bei welchem Joſeph auf längere Zeit Abſchied genommen von dem Hofe ſeiner Mutter. Denn die lang projectirte Reiſe nach Paris ſollte jetzt endlich ausge⸗ führt werden, und Marie Antoinette ſollte jetzt endlich ihren heißeſten Wunſch erfüllt ſehen, ſie ſollte den Beſuch ihres kaiſerlichen Bruders empfangen.
Deshalb alſo, zur Feier dieſer Abreiſe des Kaiſers, hatte heute bei Hofe ein großes Ballfeſt ſtatt gefunden, und die Gräfin Leonore Eſterhazy hatte demſelben beigewohnt. Die Mitternachtsſtunde war längſt vorüber, als ſie von demſelben heimkehrte, aber das Hotel der Gräfin, oder vielmehr des Grafen, ihres Gemahls, ſtrahlte heute wie immer in ſeiner ganzen Fronte vom hellſten Lichterglanz. Leonore hatte es ein für allemal ihrem Haushofmeiſter zum unverbrüchlichſten Geſetz gemacht, jeden Abend beim Hereinbrechen des Dämmerlichtes in allen Salons die Kronleuchter anzuzünden, alle Zimmer mit Kerzen zu er⸗ hellen. Sie haßte und fürchtete die Nacht, und damit es immer Tag in ihrem Hauſe ſei, mußten allabendlich Hunderte von Lichtern angezündet werden, welche die ganze Nacht hindurch brannten. Es war dies eine von den Launen der genialen Gräfin, eine von den Launen, über welche ganz Wien ſich amüſirte, und über welche nur der Gräfin Gemahl ſich vielleicht ärgerte, weil ihm dieſe Laune allmonatlich einige tauſend Gul⸗ den an Wachslichtern koſtete.
Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 1


