Teil eines Werkes 
4.-6. Bdchen (1846)
Entstehung
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Sieg erringen. Die ſanften Toͤne ihrer Stimme ſind zu beredt, um ihnen widerſtehen zu können.

Still, mein Freund, unterbrach ihn Selem auf ruſſiſch und mit Lächeln.Du bringſt den galanten Styl des Hofes von St. Petersburg mit Dir, wenn Du mit Complimenten anfangſt. Ich muß das Privilegium des Bruders in Anſpruch nehmen, um ſolchen Reden Einhalt zu thun, Du könnteſt ſonſt meiner artigen Schweſter den Kopf verrücken. Erinnere Dich, daß ſie nicht an Phraſen der Schmeichelei gewöhnt iſt.

Ihr Blick verkündet, daß Complimente keinen Ein⸗ fluß auf ſte ausüben, antwortete Thaddeus.

Es giebt nicht leicht eine Frau, in welchem Klima es auch ſey, und nur Wenige ſelbſt vom edleren Ge⸗ ſchlechte, die für Schmeichelet unempfindlich ſind, ent⸗ gegnete Selem; dann ſagte er wieder in ſeiner eigenen Sprache:Verzeihe mir, meine Schweſter, daß ich in einer Sprache redete, die Du nicht verſtehſt. Ich ſchalt blos meinen Freund darüber, daß er Dir ſolche Com⸗ plimente machte, wie ſie die Schönen in den Städten Frangiſtan's zu empfangen gewöhnt ſind.

Dein Freund, mein Bruder, wird gewiß keine Redensarten gebrauchen, welche anzuhören für ein Mäd⸗ chen der Berge unpaſſend wäre. Er ſieht zu verſtändig, zu gut aus, ſagte Ina, indem ſie ſtark erröthete.

Ein anderer Bote kam nun an, der den Helden des Tages, den jungen Tſcherkeſſenhäuptling und ſeinen pol⸗ niſchen Freund zum Feſte rief, wo die anderen Häupt⸗ linge ihre Ankunft erwarteten. Beide waren jedoch ſehr unzufrieden, als ſie ſahen, daß die Hauptzierde fehlte; denn, obgleich man dem ſchönen Geſchlechte die ritter⸗ lichſte Ehrerbietung erweist, ſo iſt es Gebrauch des Landes, daß bei Feſtmahlen keine Frau gegenwärtig iſt, Privat⸗Gelegenheiten ausgenommen, wo ſie ihre Herren bedienen.

Gegen ſeinen Willen war alſo Selem gendͤthigt,