Pruder und Schweſter.
Leiſe auf den Fußſpitzen ſchlich die Herzogin zu ihrem Bruder hin, der ſie noch immer nicht emerkte. Der dicke türkiſche Fußteppich machte ihre Schritte un⸗ hörbar, ſie ſtand ſchon hinter dem Grafen und er hatte ſie noch nicht gewahrt.
Jetzt neigte ſie ſich über ſeine Schulter und rich⸗ tete die funkelnden Augen auf das Papier in ihres Bruders Hand.
Dann las ſie mit lauter klangvoller Stimme die Ueberſchrift deſſelben:„Klagelied, weil Geraldine ſich dem Geliebten immer nur umhüllt von einem Schleier zeigt.⸗ Ach, ſagte die Herzogin lachend, jetzt habe ich alſo Dein Geheimniß belauſcht und Du mußt Dich mir auf Gnade und Ungnade ergeben. Du liebſt alſo und Geraldine heißt die Auserkorne, an welche Du Deine Gedichte richteſt? Ich ſchwöre Dir, mein Bruder, Du ſollſt mir dies Geheimniß theuer be⸗ zahlen.
Es iſt gar kein Geheimniß, Schweſter, ſagte der Graf ruhig lächelnd, indem er ſich von dem Divan erhob und die Herzogin begrüßte. Es iſt ſo wenig ein Geheimniß, daß ich ſogar heute Abend beim Hof⸗ feſt dieſes Sonnett vortragen werde. Ich werde alſo
Deiner Verſchwiegenheit nicht bedürfen, Roſabella. Alſo die ſchöne Geraldine zeigt ſich Dir immer
nur in einem dunklen Schleier, ſchwarz wie die Nacht,
*) Sonnett von Surrey. Siehe Nott's üfe and works of Surrey.


