Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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Sire, ſagte ich zu Ihnen, daß ich Sie verantwortlich mache für dieſe Ehe, welche nicht die Liebe, ſondern die Politik geſchloſſen, daß ich Sie dereinſt vor dem Throne Gottes zur Rechenſchaft ziehen und Sie dort fragen würde, mit welchem Recht Sie mich meiner Freiheit beraubt, mit welchem Recht Sie an mein Herz und meine Hand eine Kette gelegt, welche mir die Liebe nicht tragen hülfe. Ich ſagte Ihnen ferner, Sire, daß ich, wenn die Laſt dieſer Kette mir zu ſchwer würde und dieſes unnatürliche Verhältniß einer Ehe ohne Liebe und ohne Uebereinſtim⸗ mung mich zermartern und zur Verzweiflung treiben ſollte, ich auf Ihr Haupt dann den Fluch meines Unglücks ſchleudern und Sie verantwort⸗ lich machen würde für mein zerbrochenes Daſein und meine zerſchellten Hoffnungen.

Und ich, ſagte der König feierlich, ich nahm dieſe Verantwortung auf mich. Als Ihr König und Ihr älterer Bruder erinnerte ich Sie an Ihre Pflicht, dem Staat eine Familie, ihm Söhne zu geben, welche den Männern voranleuchteten als Muſter der Tapferkeit und der Ehre, Töchter, um den Frauen ein Beiſpiel zu ſein der Geſittung und Tugend. Kraft dieſer Ihrer Pflichten als Königsſohn und als Mann forderte ich von Ihnen, daß Sie ſich vermählten!

Und ich komme jetzt, Sie zur Rechenſchafl zu ziehen für dieſen un⸗ natürlichen Zwang! rief der Prinz feierlich. Ich komme, Ihnen zu ſagen, daß mein Herz zerriſſen iſt von Qual und Schmerz, daß ich der unglückſeligſte der Menſchen bin und daß Sie mich dazu gemacht haben, Sie, welcher mich zu dieſer Ehe zwang, obwohl Sie ſelber die Ver⸗ zweiflung und die Schmach einer ſolchen Ehe ohne Liebe kannten! O, Sie hatten durch dieſe Ihre eigene Ehe ſchon eine ſchwere Verantwor⸗ tung auf ſich geladen, und wenn Sie ſie erdulden mußten, ſo lange unſer Vater lebte, ſo hätten Sie dieſelbe muthig abwerfen müſſen, ſo⸗ bald Sie frei, das heißt König wurden! Aber Sie zogen es vor, Ihr unnatürliches Verhältniß weiter zu ſchleppen, oder vielmehr, Sie ſtreiften nur die Ketten von Ihrer Hand und ließen ſie achtlos zu Ihren Füßen liegen. Um der Welt durch Ihre Scheidung kein Aergerniß zu geben, gaben Sie ihr durch Ihre unnatürliche Ehe ein böſes Beiſpiel. Sie machten

nur ſich frei und machten dadurch Ihre arme Gemahlin zu einer Scla⸗