Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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ſie ſchon oft vernommen, ſie hatten ſie ſchon oft inmitten der Nacht ge⸗ weckt, und den Schlaf von ihrem Lager getrieben, und ihr Herz gemar⸗ tert mit bitteren Vorwürfen und Anklagen. Sie kannte ſehr wohl dieſes graue Geſpenſt, das immer hinter ihr herſchlich, das immer an ihrer Seite war, das ſie immer mit finſteren, todesernſten Mienen anſtarrte, ob ſie auch lachen und heiter ſein mochte, das oft ſo laut ſprach, daß Louiſe davon wie betäubt ward, und gar nicht die Klänge der Freude und Luſt zu hören vermochte, die ſie umrauſchten. Sie wußte, daß dieſes graue Geſpenſt das Gewiſſen war, welches immer wieder zu ihr her⸗ anſchlich, wie oft ſie es auch zurückgedrängt hatte.

Aber ſie wollte es nicht hören, ſie ſtürzte ſich immer wieder in neue Zerſtreuungen, in neue Genüſſe, ſie betäubte das mahnende Gewiſſen unter den Jubelliedern der Freude, ſie rettete ſich vor dieſem grauen Geſpenſt in die Arme des Leichtſinns und der Weltluſt, und oft gelang es ihr, Monate lang dieſen finſteren Schatten nicht zu fehen, der mit aufgehobenem Finger drohend hinter ihr ſtand, und vor dem ſie immer wieder ſich flüchtete in neue Sünde und neue Schuld. Zuweilen hatte ſie ein Gefühl, als ob der Tod ſie in ſeinen Armen halte, als ob er mit wildem Jauchzen im raſenden Tanze ſie umwirble, nicht achtend ihres Flehens und ihrer keuchenden Bruſt. Sie hätte gern geruht, gern in einen ſtillen Winkel ſich gebettet vor dieſer wilden Luſtigkeit, aber ſie konnte den unheimlichen Armen nicht mehr entfliehen, welche ſie wie mit eiſernen Klammern umfangen hielten und mit ihr den Todtentanz der Sünde durch das Leben dahinbrauſten. Sie mußte vorwärts, immer vorwärts auf dieſer Bahn des Laſters, ſie mußte immer wieder ſich be⸗ rauſchen mit dem Opium der Sünde, um ſich zu retten vor der kahlen, farbloſen Nüchternheit, welche ſie bedrohte mit dem furchtbarſten Uebel, mit der Langenweile, welche der alternden Coquette die Schreckniſſe einer Zukunft vormalte, in welcher ſelbſt die Sünde ſie nicht mehr trö⸗ ſten, in welcher das Alter mit grauſamer Hand die Blumen aus ihrem Haar und die Röthe von ihren Wangen fortſchleudern würde, um der hohnlachenden Welt die Runzeln auf ihrer Stirn und die Aſche auf ihrem Haar zu zeigen.

Es iſt kalt hier, flüſterte Louiſe, in ſich zuſammenſchaudernd und