— 35—
ſchauerlich bei Deinen Worten, und mein Herz, welches vorher ſo freudig klopfte, ſcheint jetzt ganz ſtill zu ſtehen, als fürchte es ſich, weiter zu ſchlagen.
Louiſe achtete gar nicht auf ſeine Worte, ſondern fuhr fort: Der Krieg iſt zu Ende, ſagt Ihr, ich aber ſage, er fängt jetzt erſt an. In jedem einzelnen Hauſe, in jeder Familie wird er fortgeführt, und noch viele Herzen werden brechen, viele Wunden werden ausgetheilt, viele Thränen werden fließen, bevor es Friede werden kann in den Familien. Alle dieſe Bande, welche Weiber und Männer, Aeltern und Kinder mit einander vereinten, ſind in dieſen ſieben Jahren gelockert und zerriſſen, alle Verhältniſſe ſind zerrüttet und unterhöhlt. Um dieſe fürchterlichen Jahre ertragen und überdauern zu können, mußte Jedermann ſich dem Leichtſinn ergeben; die Folge davon iſt, daß Jedermann wirklich leicht⸗ ſinnig geworden, und das Leben mit ganz anderen Augen anſieht wie früher. Man will nur noch den Moment genießen, nur noch von der flüchtigen Stunde das Glück erhaſchen, von dem man nicht weiß, ob es nicht in der nächſten Stunde ſchon geſtorben und vernichtet iſt. Die Liebe iſt ein Amüſement, die Treue ein Phantom geworden, an das Niemand mehr glaubt, von dein nur noch in den Ammenmährchen der Kinderſtuben die Rede iſt. Die Frauen haben die Erfahrung gemacht, daß ihre Männer nicht geſtorben ſind vor Sehnſucht nach ihnen, daß ſie ſelber, nachdem die Thränen des Abſchieds, wenn auch etwas lang⸗ ſam getrocknet waren, doch auch recht gut allein weiter leben konnten, und daß die Unabhängigkeit doch auch manches Bequeme und Angenehme habe! Die Geſchichte von der Wittwe von Epheſus wiederholt ſich alle Tage, mein Freund. Die Frauen haben, nachdem ſie von ihren Männern getrennt worden, lange geweint und getrauert, aber endlich konnten ſie ihr Ohr den ſüßen Troſtworten nicht mehr verſchließen, welche man ihnen zuflüſtertete, endlich ſahen ſie ein, daß das Trauern doch auch ſeine langweilige und eintönige Seite habe, und daß die Zeit viel raſcher dahineile, wenn man ſich zu amüſiren und glücklich zu ſein verſuche. Sie ließen ſich von ihren Courmachern über die Abweſenheit ihrer Männer tröſten, und ihr Gewiſſen machte ihnen dabei gar keine Vor⸗ würfe, denn ſie waren überzeugt, daß ihre geliebten Männer es ebenſo
3*


