Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 1. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Aber in Ihren Liebſchaften ſind Sie Meiſter, rief Herr von Belle⸗ ville lachend. Man erzählt ſich ſehr viel von Ihren Liebesintriguen, Monſieur.

Da erzählt man ſich Unwahrheiten, ſagte der italieniſche Graf ruhig. Ich liebe gar keine Intriguen, am allerwenigſten aber die Liebesintriguen, während Sie, mein Herr, als ein wahrer Don Juan bekannt ſind. Hat man mir nicht geſagt, daß ſie ſterblich verliebt ſind in das ſchöne Hof⸗ fräulein der Prinzeſſin Heinrich?

Ah, Sie meinen das ſchöne Fräulein von Marſchall? fragte Herr von Giurgenow lachend. Man hat auch mir davon erzählt, und ich habe den Geſchmack des Herrn von Belleville bewundert und ihn beneidet.

Mein Gott, ſagte dieſer leichthin, die Kleine iſt hübſch, das iſt wahr, und ich beluſtige mich ein wenig damit, ihr den Hof zu machen. Wir müſſen doch dieſe guten deutſchen kleinen Mädchen auch einmal kennen lehren, was wahre Galanterie iſt.

Das iſt alſo der einzige Grund, weshalb Sie dem ſchönen Fräͤnlein den Hof machen? fragte Giurgenow mit einem lauernden Blick.

Ich verſichere Sie, der Einzige, rief Herr von Belleville lachend, indem er aufſtand und ſich dem Fenſter näherte. Aber ſehen Sie nur, rief er dann haſtig, ſehen Sie nur, welch' eine Menſchenmaſſe die Straße anfüllt, und wie die Leute geſticuliren und ſchreien, als ob ein Unglück geſchehen ſei.—

Die beiden anderen Herren eilten an ſeine Seite, und die Fenſter öffnend blickten ſie hinunter auf den Platz, auf dem allerdings eine große Maſſe Volks ſich verſammelt hatte. Und immer mehr Leute noch ſtrömten aus den angrenzenden Straßen herbei und ſammelten ſich auf dem weiten Platze, in deſſen Mitte ſich auf einer von Steinen raſch zuſam⸗ mengetragenen Erhöhung eine ſeltſame Gruppe zeigte. Da ſtand ein hoher hagerer Mann im ſchwarzen Talar, mit langen grauen Locken, die von ſeinem Haupt herniederfloſſen und wie Schlangen ſein bleiches fa⸗ natiſches Antlitz umringelten. In ſeiner Rechten hielt er eine Bibel, die er mit erhobener Hand der Volksmenge zeigte, während ſeine großen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen zum Himmel emporgerichtet waren, und