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Da war ein Scheiterhaufen errichtet und neben demſelben ſtand der Henker in ſeiner rothen Amts⸗ tracht. Wie? Sollte der„heilige Abend“ heute mit einer Hinrichtung gefeiert werden? War es deshalb, daß dieſe Tauſende neugieriger Menſchen in dichtge⸗ drängten Reihen den Scheiterhaufen umſtanden? Des⸗ halb, daß die Fenſter all' dieſer Häuſer geöffnet und mit Gruppen eleganter Damen und Cavaliere ge⸗ ſchmückt waren?
Ja, allerdings wollte man da eine Hinrichtung feiern, aber eine blutloſe, welche wenigſtens dem De⸗ linquenten keine Schmerzen verurſachte. Auch waren die Blicke dieſer Tauſende jetzt nicht auf den Scheiter⸗ haufen gerichtet, ſondern Alle ſchauten ſie empor zu dieſem Fenſter, welches ſich da drüben an dem gro⸗ ßen Hauſe auf der Seite der Taubenſtraße*) geöffnet hatte. An dieſem Fenſter ſtand ein bleicher Mann mit eingefallenen Wangen und kränklicher, gebeugter Geſtalt. Aber ſein Geiſt war ungebeugt, das ſah man an dem ſtolz gehobenen Haupt, an dem ironiſchen, verächtlichen Lächeln, das nicht bloß auf ſeinen Lip⸗ pen, ſondern auf ſeinem ganzen Antlitz ſtand, an die⸗ ſen flammenden, großen Augen, welche ſprühende Blicke in der Menge umherſandten, um hier und dort irgend einen Bekannten zu grüßen.
Dieſer Mann war Voltaire! Voltaire, welcher gekommen war, der Hinrichtung beizuwohnen, der Hinrichtung ſeines Akakia, der allerdings in Leyden
gedruckt und in ganzen Ballen nach Berlin geſandt
worden war.
*) Taubenſtraße Nr. 20.


