Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

III. die Jungfrau von Brünen.

Anna Sophie war gedankenvoll und ſinnend in ihr einſames Haus zurückgekehrt, und es hatte ihr ſelbſt

in ihrem ‚Fleckchen des verlorenen Paradieſes nicht

gelingen wollen, ihre Ruhe und Heiterkeit wiederzu⸗ finden. Ihre Gedanken waren mit ſtürmiſcher Sehn⸗ ſucht hinausgeflattert aus dieſem Kämmerlein, das ihr jetzt zum erſtenmal dumpf und öde erſchien, nicht wie ein Fleckchen Paradies, ſondern wie ein Zellengefäng⸗ niß, wie ein ſchweigendes Grab. Zum erſtenmal heute ſprachen ihre Erinnerungen nicht zu ihr, zum erſtenmal vergaß ſie heute, als ſie ſich endlich auf ihr Lager warf, ihren Eltern den Gutenachtgruß zuzurufen.

Aber auf ihrem Lager auch konnte Anna Sophie die gewohnte Ruhe nicht finden. Seltſame Bilder gaukelten vor ihren wachen Augen, wunderbare Träume umfingen ihre nicht ſchlafenden Sinne. Zuweilen ſchien es ihr, als ob der ſiegumſtrahlte, lorbeergeſchmückte König vor ihr ſtände und ſie mit lächelnden Augen zu ſich winkte, dann wieder meinte ſie ſich ſelber zu ſehen, die flatternde Fahne in ihrer Hand, die Bruſt um⸗ hüllt von dem glänzenden Cüraß, voraufziehend den tapferen Kriegern, die ihr jubelnd Beifall zuriefen. Dann wieder ſah ſie ſich verlaſſen, einſam mit klaffen⸗ der Wunde in der Bruſt am Rande eines Grabes lie⸗ gen, die brechenden Augen gen Himmel gerichtet und mit erkaltenden Lippen murmelnd:es iſt doch ſchön für das Vaterland zu ſterben. Dann war es ihr,