Teil eines Werkes 
3. Band (1861)
Entstehung
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ſo deutlich bewußt geweſen bin, als jetzt. Sieh, ehe ich meine Tochter gefunden, meinte ich in Sehnſucht nach ihr zu vergehen und mich zu ver⸗ zehren in Schmerz um ihren Verluſt, und nun ich ſie gefunden, und ſie wieder mein iſt, und ich ſie lieben und an mein Herz drücken kann, nun weiß ich, daß es doch eine Liebe giebt, die ſtärker noch iſt, als die Mutterliebe. Es iſt die Liebe der Gattin. Ja, mein Geliebter, und gälte es aufs neue Einen von Euch zu miſſen, Dich oder Ellen, ich weiß, daß ich mich von Allen trennen könnte, von Allen außer Dir. O, und wie könnte es anders ſein! Mutter und Kind, wie innig auch verbunden, ſind immer doch zwei Weſen, zwei voneinander getrennte, verſchiedene Weſen, und wie die Jahre kommen und gehen, wie ſich die Gedanken ändern und die Gefühle umgeſtalten, wie das Kind ins Leben tritt, und die Mutter eine Matrone, die Tochter ein Weib wird, ſo ent⸗ fremden dieſe Jahre Beide einander, und Verſchie⸗ denheit der Lebensverhältniſſe legt ſich trennend und entfernend zwiſchen Mutter und Kind! Wie anders, wie herrlicher und ſchöner iſt dies im Verhältniß des Gatten zur Gattin. Da mögen Jahre kommen und gehen, ſie trennen nicht und entfremden nicht, ſie binden und vereinen nur fe⸗ ſter. Die Zeit, die ſonſt Alles ändert, hier än⸗ dert ſie nichts; trennt ſie dort Mutter und Kind, bindet ſie hier nur feſter. Ja, dieſelbe Zeit, die