II. Am Abend.
Der Tag war endlich zu Ende und die Dun⸗ kelheit des Abends hatte ſich über die Erde gelegt. Wie ſchwer und langſam waren für Clairon die Stunden dahin geſchlichen, wie hatte ſie alle ihre Kraft zuſammennehmen müſſen, um ihre ſtolze Haltung, ihre fürſtliche Ruhe ſich wenigſtens im Beiſein Anderer zu bewahren. Welche Gedanken, welche Hoffnungen hatten dieſen ganzen langen Tag ihre Seele bewegt, mit wie viel Fragen hatte ſie ruhelos ſich ſelber gemartert. Was bedeutete es, daß der Markgraf ihr nicht ſogleich antwortete? Wollte er ſie überraſchen? Wollte er mit ihr eine Reiſe antreten, und unterwegs ganz in der Stille irgendwo ſich mit ihr trauen laſſen? Wie kam es, daß er, der ſonſt ſo leicht gereizt, ſo empfindlich war, heute der Vorleſung ihres Briefes mit ſo ruhiger Gelaſſenheit zugehört, auf alle ihre An⸗ ſchuldigungen gar nicht geantwortet hattte
8


