Teil eines Werkes 
2. Theil (1860)
Entstehung
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jetzt Alles, Alles, ſie wußte, daß ſie verrathen, verſto⸗ ßen und betrogen war. Sie wußte, daß Alexiew ihr Liebe geſchworen, während er ſie verrieth, daß er ſie noch an ſein Herz gedrückt, als er ſie ſchon verrathen hatte! Er war alſo nur gekommen, um ſie zu verſto⸗ ßen, er war nur zärtlich geweſen, weil er zu feig war, mit offenem Antlitz ihr gegenüber zu treten, Alles war überlegt, Alles war berechnet geweſen! Er hatte ihre Briefe ſchon mitgebracht, um ſie ihr zu geben, er hatte den Schwur nur gethan, damit ſie ihm nachahme und durch einen gleichen Schwur ſich verpflichte! Nichts als feiger, hämiſcher Verrath, tückiſche Falſchheit.

Auch diesmal hatte er doch, ohne es zu wollen, ihr wohlgethan; ſtatt ſie niederzudrücken, hatte er ſie aufgerichtet, die Liebe hatte ſie in den Staub getreten, der Stolz richtete ſie wieder empor; ach, er hätte ſie langſam, Tag für Tag, morden können, nach und nach hätte ihr Herz verbluten können, jetzt blutete es gar nicht mehr, jetzt, wie durch Zauberwort, fühlte ſie ſich geheilt von ihrer Liebe und von ihrem Leid, empfand ſie nichts mehr als grenzenloſe Verachtung und den glühendſten Durſt nach Rache!

O, ſagte ſie, mit raſchen Schritten im Gemache auf und ab gehend, o, ich werde mich rächen an die⸗ ſem Verräther, der gleich dem Judas mich küßte, in⸗ dem er mich verrieth, ja, ich werde mich rächen, und müßte ich Jahre, lange troſtloſe Jahre warten auf dieſen Moment der befriedigten Rache. Es iſt nichts mit der Vergebung und dem friedlichen Dulden, Gott ſendet ſeine Rache für jedes menſchliche Fehlen und Irren; ich will Gott gleich ſein, und den Verbrecher will ich ſtrafen, wie Gott mich ſtrafte für das Ver⸗ brechen des Meineides.

Und von dem Feuer des Haſſes fühlte ſie ſich jetzt durchglüht, wie kurz zuvor noch von dem Feuer der