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wünſcht, halten Sie ſich für berechtigt, ihm das Leben zu nehmen. Solche Anſichten würden allen geſellſchaft⸗ chen Verhältniſſen ein Ende machen, alle Rangordnung zerſtören, und die Herrſchaft des Gladiatoren würde nur dem Dolche des Meuchelmörders Platz machen.“ Schon beim Empfange dieſes Schreibens war ich in ei⸗ ner üblen Gemüthsſtimmung. Ich hatte ernſtlich über die gütigen Anerbietungen Lord Windermears nachge⸗ dacht, und gefühlt, daß ſie dem primum mobile meines Daſeins hinderlich ſein würden. Als das Billet gebracht wurde, überlegte ich, wie ich es anfangen müſſe, mich den in demſelben enthaltenen gütigen Abſichten zu ent⸗ ziehen, und meinen eigenen Neigungen nach Belieben folgen könne. Mir ſchien der Inhalt den höchſten Grad von Ungerechtigkeit anzudeuten. Man hatte mich auf einſeitige Angaben angeklagt und ſchuldig befunden. Ich vergaß in dem Augenblicke, daß ich pflichtmäßig zu Mr. Maſterton gehen, und ihm über die Angelegenheit völ⸗ lige Aufklärung hätte geben ſollen; und daß ich ihn durch dieſe Unterlaſſung in der vorgefaßten Meinung, daß ich mich nicht rechtfertigen könne, beſtärkte. Dieſes Alles entging mir, und doch verdiente ich Tadel; ich hatte nur den kränkenden, ungerechten Inhalt des Brie⸗ fes im Auge, und meine Bruſt gab keiner andern Em⸗ pfindung, als dem. Unwillen, Raum. Wer giebt Lord Windermear und Mr. Maſterton ein Recht, mich zu⸗ rechtzuweiſen und zu beleidigen? Auferlegte Verbind⸗ lichkeiten? Aber iſt mir denn Lord Windermear etwa keine Verbindlichkeiten ſchuldig? Habe ich ſein Geheim⸗ niß nicht bewahrt? Allerdings, allein auf welche Weiſe gelangte ich in den Beſitz deſſelben? Indem ich es
nicht verrieth, machte ich nur eine Treuloſigkeit wieder
gut. Nun wohl; ſo habe ich wenigſtens das Recht, von
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