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„Warten wir nicht ein wenig auf Marie?“ meinte Sophie.„Herr Wermuth ſoll ſein wenig ausruhen.“
„Julie“, fragte Wilhelm, der bisher nach des Hofmeiſters Anleitung das Steuer gelenkt,„wann ſingſt Du mir das verſprochene Lied?“
„Ein Sirenengeſang lockt am ſchnellſten die Zu⸗ rückgebliebenen herbei“, erwiderte Heinrich den Blick Juliens, der ihn aufzufordern ſchien, doch auch mit um den Geſang zu bitten.
Es ſcheint keine Künſtlerin und keine Dilettantin des Geſangs zu geben, welche, ohne mehrmals gebeten zu werden, im Stande iſt, zu ſingen. Das iſt um ſo
ſeltſamer, da die meiſten, wenn ſie einmal angefangen,
nicht mehr aufzuhören wiſſen. Julie ſetzte ſicher ein und trug mit ſchönem Aus⸗ druck das Lied vor:
„Es ziehet ohne Raſt vorbei
Die Welle nach der Welle,
Und wunderbare Melodei
Ertönt bald dumpf, bald helle.
Ich hab' das märchenhafte Lied
Des Fluſſes wohl verſtanden,
Wenn mir von Sehnſucht heiß durchglüht Die Stunden einſam ſchwanden
Und jenſeits an des Ufers Rand
Ich ſah das gold'ne Haus,
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