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Guter Rath ist Geldes werth : eine Erzählung für die Jugend / von Friederike v. Marées
Entstehung
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Erſtes Kapitel.

Vor vielen, vielen Jahren lebte ein König, der herrſchte über ein großes Reich und war ſehr mächtig. Seine Gemahlin, die er früh durch den Tod verloren, hatte ihm nur ein einziges Töchterlein hinterlaſſen. Die junge Prinzeſſin war ein Wun⸗ der von Schönheit und Liebreiz; der Stolz und die Freude ihres Vaters. Sie ward, je älter ſie wurde, immer ſchöner, und der alte König war ganz glückſelig im Beſitz dieſes Schatzes. Das Glück aber iſt ein launiſches und unbeſtän⸗ diges Weſen, welches die Alten auf einer Kugel ſchwebend dargeſtellt haben. Das iſt ein gar treffendes Bild, denn eine Kugel liegt ſelten lange auf derſelben Stelle feſt, ſie rollt bei dem leichteſten Anſtoß weiter. So niſtet ſich das Glück gewöhnlich nur auf eine kurze Zeit in einem Hauſe ein; es liebt das Wandern und wenn man es heute in den Palaſt eines Fürſten gebannt glaubt, ſo hat das launiſche, verän⸗ derliche Weib ſich morgen ſchon in die Hütte des Taglöhners zu Gaſte gebeten. Dieſe Erfahrung ward auch dem guten, alten König nicht erſpart. Sein blühendes, von Geſund⸗ heit ſtrahlendes Kind fing plötzlich zu kränkeln an, wurde bleich und hinfällig.

Der arme Vater war troſtlos und bot alle Aerzte ſeines großen Reiches auf, an ſeinen Hof zu kommen, um unterein⸗ ander zu berathſchlagen, wie ſeiner kranken Tochter zu helfen

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