Druckschrift 
Herzensschulden : Roman / von Auguste Maquet ; aus dem Französischen von Dr. Gottlob Fink
Entstehung
Einzelbild herunterladen

302

liehen dem Zauber ihres Lächelns wo möglich noch mehr Adel.

Sie ging zu Armand, der ſeit kaum einer Stunde erwacht war. Sie ergriff ſeine Hände und küßte dieſelben. Sie ſetzte ſich zu ihm und küßte ihn ſelbſt. Dieſe Liebkoſungen, die ſie ihm ſeit ihrer Wiederver⸗ einigung niemals gemacht, denn ſie legte die bedenk⸗ lichſte Sittſamkeit in ihre Zärtlichkeit und hatte dem jungen Mann erklärt, daß ſie ihrem Gatten eine Frau geben wolle und keine Maitreſſe, dieſe freund⸗ liche Zuthulichkeit, ſage ich, ſetzte Armand in Ver⸗ wunderung, und er ſchaute ſie ſogleich an, wie wenn er um die Urſache fragen wollte.

Sie antwortete nur mit einem jener Lächeln, welche einſt die Engel beſtimmten den Himmel zu verlaſſen. Sie war weiß gekleidet, ganz wallend von

feinen Spitzen; man fühlte, daß ſie ſich ganz beſon⸗ dere Mühe gegeben hatte ihre Traurigkeit aus ihrem Geſicht und ihrem Herzen zu bannen. Sie berührte alſo Armands Hand, legte ihren bloßen Arm auf ſeine Schulter, und machte, ſo angeſchmiegt, ſo gegen ſeine Bruſt geneigt, das Blut und Leben der Liebe aus dem Herzen in die Lippen des Geliebten ſteigen. Ihre Schönheit, die niemals vollſtändiger, nie ſo überwältigend geweſen, das Wallen ihres Buſens, das verſchwommene Feuer ihrer Blicke, ihre holden

Worte, ihre melodiſche Berufung auf ſo viele zau⸗

beriſche Erinnerungen ſiegten ſehr ſchnell über dieſes ſchlecht erkaltete Herz, in deſſen Grund die Leiden⸗ ſchaft noch lebte und beim erſten Wunſch des voll⸗

kommenen Gegenſtandes, der ſie inſpirirt hatte, für 7

ewig wieder aufleben mußte. 2