— 51—
wollte mit eigenen Augen ſehen, was da unten vorging. Die Tochter ließ ſie neben Renzo zuruͤck, eilte zu den verſammelten Weibern, gab ihrer Miene und ihrer Stimme,. ſo viel ſie vermochte, den Anſchein der Gleichguͤltigkeit, und ſagte:„der Herr Pfarrer iſt krank, es kann alſo heut nichts vorgenommen werden.“— Mit dieſem Beſcheide ſtattete ſie Allen eiligſt den Abſchiedsgruß ab, und ging wieder hinunter.
Die Weiber gingen auseinander und zerſtreuten ſich. Sie erzaͤhlten den Vorfall, und ſuchten ſich zu uͤberzeugen, ob Don Abbondio wirklich krank ſey. Die Wahrheit der Sache hob mit einem Streich alle Vermuthungen auf, die ſchon in ihren Koͤpfen zu gaͤhren anſingen, und ſich in ihren geheimnißvollen abgebrochenen Reden verkuͤndigten.
Drittes Kapitel.
Lucia trat in's untere Zimmer, wo Renzo aͤngſtlich Agneſen Auskunft gab, und dieſe eben ſo aͤngſtlich ihm zuhorchte. Beide wandten ſich dem Maͤdchen zu, welches mehr als ſie wußte; von ihr erwarteten ſie eine Aufklaͤ⸗ rung, die freilich nur peinlich ausfallen konnte, Beide ließen mitten durch den Schmerz, bei der verſchiedenen Liebe, die Jedes fuͤr Lucien empfand, einen verſchiedenen Verdruß blicken, daß ſie ihnen etwas, und grade ſo etwas, verſchwiegen hatte. Wie ſehnſuchtsvoll alſo auch Agneſe das erſte Wort aus dem Munde der Tochter erwartete, ſo konnte ſie's doch nicht uͤber's Herz bringen, ihr die Sache ganz ohne Vorwurf hingehen zu laſſen.


