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Sitte fand bei ihr Entſchuldigung oder Nachſicht. Sie nannte dieſe Strenge Tu⸗ gend— ach! ſie war es nicht, und die einzige, welche dieſe Ungluͤckliche zu beſitzen ſich ſchmeichelte, war nur Schein, denn nie hatte ſie mit ſich zu kaͤmpfen: gehabt um ſie zu erringen, und Tugend iſt ja nur das was uns Opfer koſtete. Sie ver⸗ achtete den groͤßten Theil der Maͤnner, die ſchönen Frauen nur zu oft Gelegenheit geben ſie entweder in einem veraͤchtlichen oder laͤcherlichen Lichte zu erblicken. Ueber⸗ dies durch eigne Schuld an einen durchaus unwuͤrdigen Gatten gefeſſelt, den ſie in allen Stuͤcken weit uͤberſah, glaubte ſie das ganze maͤnnliche Geſchlecht nach ihm beur⸗ theilen zu duͤrfen, und wirklich wollte es ihr ungluͤckliches Geſchick, daß ſie keinem bedeutenden Manne weiter begegnete. Haͤtte der Himmel ihr Kinder geſchenkt, ſo wuͤrde die immer mehr uͤberhand nehmende Erſtar⸗ rung ihres Gemuͤths ſich vielleicht in der Liebe zu dieſen aufgeloͤſt haben; aber auch


