Irſtes Kapitel. Die Herzogin von St. Aignan
Ein nebeliger Dezembertag ging mit ſeinem kurzen Leben zu Ende; das einſt ſo lebhafte Verſailles war todt und verödet, wie das Königsſchloß, das mit ſeinen weiten Flügeln dieſe Stadt der alten Herrſcher Frankreichs be⸗ ſchützt hatte. Der König war gefangen, das Schloß war leer, Verſailles ohne Hof und Karoſſen und Geſandten— wie konnte es leben? Die Hofluft paßt nicht für Handel und Wandel, Bürgerthum, Arbeit und Induſtrie; wo ſie weht, iſt Alles ſteif und kalt und ſtill.
Die duftigen Gärten um den berühmten Königsſitz, in deſſen Bosquets einſt die Liebe geflüſtert, brennende Augen ihre Blitze getauſcht— einſam waren ſie jetzt und verlaſſen; die ſonſt ſo ſorgfältig und kunſtvoll beſchnitte⸗ nen Baumalleen waren verwildert, die Roſen, die ſonſt nie aufhörten zu blühen, waren vernichtet, erfroren, geſtorben wie all das königliche Leben, welches hier im Garten voll majeſtätiſch⸗ſteifer Zugeſtutztheit gerauſcht hatte. Die Fon⸗
1861, 15. Apoll von Byzanz. II. 1


