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Kavanagh : eine Erzählung / von H.W. Longfellow, Verfasser von "Hyperion", "Evangelien" u.s.w. ; aus dem Englischen
Entstehung
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1.

Große Männer ſtehen wie einſame Thürme in der Gottesſtadt, und geheime Gänge, welche tief unter der äußeren Natur dahinlaufen, ſetzen ihre Gedanken in eine Verbindung mit höhern Geiſtern, welche ſie ſtärkt und trö⸗ ſtet, und von der die Arbeiter auf der Oberfläche keine Ahnung haben.

Ein Gedanke gleich dieſem flog halb unbewußt durch Herrn Churchill's Kopf, als er die Thür ſeines Schulhauſes hinter ſich ſchloß; und wenn er denſelben gewiſſermaßen auf ſich anwandte, ſo mag das wol einem träumeriſchen, poeti⸗ ſchen Manne wie er war, verziehen werden, denn wir be⸗ urtheilen uns nach dem, was wir zu thun uns im Stande fühlen, während Andere uns nach dem beurtheilen, was wir wirklich gethan haben. Ueberdies glaubte ihn ſeine Frau zu großen Dingen berufen. Für die Leute im Dorf war er der Schulmeiſter, nichts weiter. Sie erkannten in ſeiner Geſtalt und Haltung kein äußeres Zeichen der

Gottheit in ihm. Sie ſahen ihn täglich graben und wühlen

auf der Heerſtraße des Lebens, wie einen Käfer und nur

Wenige dachten daran, daß unter dieſer harten und kalten

Außenſeite zarte, goldene Schwingen gefaltet lagen, mit

denen er ſich nach der Hitze des Tages emporſchwang, und

in der duftigen Abendluft ſchwelgte.

Heute ſchwang er ſich noch vor Sonnenuntergang empor und ſchwelgte; denn es war Sonnabend. Mit einem Gefühl. unendlicher Erleichterung ließ er das leere Schul⸗ haus hinter ſich, in welches ſich die heiße Sonne eines Septembernachmittags ergoß. Fort waren alle die klaren, jungen Geſichter, fort die ungeduldigen, kleinen Herzen,

fort alle die friſchen, durchdringenden, aber mit dem Wohl⸗ Kavanagh. 1