Teil eines Werkes 
1. Theil (1822) Moosrosen / von W.A. Lindau
Entstehung
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nahme, die mich in Verwunderung ſetzt. Habt Ihr die Verſtorbene gekannt? Ich höre, ſie hat weit umher in der Gegend den Ruf der Wohlthätigkeit zurückgelaſſen.

Sie ſind alſo ſein naher Verwandter, vielleicht ſein Erbe? fuhr die Alte fort, ohne ſeine Frage zu beantworten.

Sein nächſter Verwandter allerdings, ſeit er ſeinen Sohn durch einen unglücklichen Zufall verlor.

Sie wiſſen davon? hob die Alte wieder an, einen fragenden Blick auf ihn heftend.

Was ich in meiner Jugend davon gehört habe, daß der arme, vierjährige Knabe durch Vernachläſ⸗ ſigung ſeiner Wärterinn in einem Teiche umgekom⸗ men iſt.

Ja, ſo hat man geſagt, erwiederte die Alte. Im Teiche iſt er umgekommen, das hab' ich oft ge⸗ hört. Seinen Hut hat man am Ufer gefunden und ſein Steckenpferd im Schilfrohre. Der Teich iſt da unergründlich, habe ich mir ſagen laſſen; darum hat man auch ſeinen Leichnam nie finden können. 3

Otmar bemerkte, daß die Alte, als ſie ſo ſprach, ihn anſah, als hätte ſie den Eindruck ihrer Worte beobachten, oder auch ſeine Meinung ergrün⸗ den wollen. Es fuhr ihm plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß ſie vielleicht in frühern Zeiten in ſei⸗ nes Oheims Hauſe geweſen, und jenes Unglück mit angeſehen habe. Habt Ihr vielleicht in meines Oheims Hauſe gelebt? hob er wieder an.