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Lebensbilder / von W.A. Lindau
Entstehung
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251 Mädchon kennen, die Frage, ob Sie mit ihr glück⸗ lich ſeyn werden, je ernſtlich zu beantworten ge: ſucht?

Ja, ich liebe Ihre Richte über alles, erwie⸗ derte Thorwald, aber ich weiß es, die Liebe hat mich nicht verblendet; mein Herz ſagt es mir.

Das Herz! Darauf bauen ſo viele, die zum Traualtare hüpfen, und wie bald ſehen ſie, daß auf den Sprecher hier gar nichts zu halten iſt. Laſ⸗ ſen Sie uns ſehen. Sie wiſſen, das Mädchen hat alle Vollkommenheiten, auf welche die Anſicht der Welt leider zu großen Werth legt. Aber iſt Ihnen nie ein Zweifel aufgeſtoßen, ob dieſe fein gebildete Jungfrau, dieſe geſchickte Clavierſpielerinn, dieſe Sängerinn, dieſe Zeichnerinn, und was weiß ich alles, auch eine gute Hausfrau und Mutter ſeyn werde?

Ich ſage mit voller überzeugung, ſie wird es ſeyn. Selbſt in den Fertigkeiten, welche ſie der Sorgfalt des edlen Pflegers ihrer Kindheit verdankt, daß ſie einen klaren Verſtand, und da Sie vom Herzen nichts hören wollen eine ſtille fromme Geſinnung hat.

Ja, das hat ſie, und wer das Gegentheil ſagt, den ſtrafe ich Lügen, ſprach Reinau. Ich habe ihr die Vollkommenheiten, welche die Sitte der Welt verlangt, gegeben, damit man mir nicht vorwerfen möge, ihre glückliche Anlage ſey vernach⸗ läſſigt worden; ich habe ſie ihr gegeben, nicht daß