229
„Wie, was meinen Sie? iſt Etwas vorgefallen?“ „Nein, nein; ich habe mir Ihr Mitgefühl unter einem falſchen Vorwand erſchlichen; aber wollte ich Ihnen die ganze Wahrheit ſagen, Sie würden mir's nicht ver⸗ zeihen, vielleicht mich nicht einmal anhören.“ „Sie überraſchen mich in der That, aber wenn es Etwas iſt, wobei mein Vater—“
„Weniger er als ſeine Tochter,“ ſagte ich, meine Augen voll auf ſie heftend;„ja, Lucy, ich fühle, ich muß es bekennen, koſte es, was es wolle; ich liebe Sie. Bleiben Sie, hören Sie mich aus; ich kenne die Hoff⸗ nungsloſigkeit, die gänzliche Verzweiflung, die einem ſolchen Gefühl bevorſteht. Mein eigen Herz ſagt mir, daß ich nicht wieder geliebt werde, nicht wieder geliebt werden kann; aber dennoch werde ich dieſe Liebe, obſchon ſie verworfen wird und mir keinen Segen bringen kann, treu und unverändert hewahren. Ich fordere Nichts, ich hoffe Nichts; ich flehe nur um Glauben an die Auf⸗ richtigkeit meiner Geſinnung und um Mitleid für meine herzliche Verehrung derjenigen, welche ich allein lieben kann. Ich ſehe daß Sie mich wenigſtens beklagen. Nein, kein Wort mehr; ich habe noch eine Bitte an Sie; es iſt meine letzte, meine einzige. Wenn Zeit und Raum uns— vielleicht für immer trennen, o, dann denken Sie nicht, daß die Ausdrücke, die ich jetzt ge⸗ brauche, blos von einer plötzlichen Aufwallung jugend⸗ lichen Gefühls eingegeben worden ſeyen; ſchreiben Sie die Glut der Neigung, die ich jetzt ausſpreche, nicht einzig und allein dem Jugendfeuer zu; denn ich ſchwöre Ihnen bei dem Theuerſten, was ich hoffe, daß meine Liebe im Innerſten meines Herzens entſprungen iſt, und daß ſie die Quelle aller meiner Handlungen, aller meiner Be⸗ ſtrebungen ſeyn wird; ja, wenn ich aufhöre, Sie zu lieben, ſo werde ich aufhören, zu fühlen.
„Und nun leben Sie wohl, leben Sie wohl für immer!“ Damit preßte ich ihre Hand an meine Lippen, heftete noch einen langen, letzten Blick auf ſie, wandte


