Druckschrift 
Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

497

N

pfeilſchnelle Tartane hatte bereits, während ihr Nostromo, Steuer⸗ mann, an ſeinen Standplatz eilte, die Anker gelichtet, alle Segel aufgeſetzt und harrte nur der Ankunſt ihres neuen Herrn, um nach einem fernen, nur dieſem Gebieter bekannten Ziele in die See zu ſtechen. Ein Schimmer Freude überflog das Antlitz des Abenteurers, als er auf dem Schiffsſchnabel ſeines Fahrzeuges die weiße Roſe mit dem Namen Gülnare prangen ſah. Der Schiffsetikette gemäß kletterten zuerſt die Haiduken die Strickleiter hinan, dann folgte Mirra, den zottigen Hund auf dem linken Arme tragend, hierauf begab ſich Meliſſa an den Bord der Tartane.

Nur Lascaris blieb zurück.

Er ſchien an den Kiel ſeines Bootes feſtgenietet zu ſein. Sein Auge hing wie bezaubert, wie gebannt an der Stelle, wo das Ge⸗ bäude herüberragte, darin die gräflichen Baſen ſeines todten Weibes hauſten. Sein ganzes Leben zog in dieſem Augenblicke an ſeiner Seele vorüber. Er ſah das verwüſtete Paradies ſeiner Kinderzeit in voller Blüthe ſtehen, dann röchelte der treue Bär Calluga in letzter Todesqual ſchmerzhaft auf, Gülnare war nirgends zu ſchauen, der kleine Deſche ſtand verlaſſen an einer endloſen Waſſerwüſte. Unſeliger Traum, daß du ſo ſchrecklich, auch buchſtäblich in Erfül⸗ lung gehen mußteſt! Darauf zeigte ſich eine hochzeitlich geſchmückte Kapelle und eine bleiche, finſter und trotzig blickende Braut, aber in dieſen eiſigen Blicken blitzte es allmälig zärtlich und bräutlich auf, und über die blaſſen Wangen zog es wie das Morgenroth der erſten Liebe. Nun blinkte es aus einem angeſchnittenen Laib ungeſäuerten Weizenbrodes wie eine ſchöne goldene Denkmünze, die aber an ein Begräbniß erinnerte; bald darauf erloſch eine Kerze des Chriſt⸗ abends auf einer zur Feier des Neujahrfeſtes geſchmückten Tafel von ſelbſt, noch ehe ein paar Tropfen reinen Weines im Namen der Dreifaltigkeit auf ſie getrauft waren. Dann kam eine lange, ſüße, hochherrliche, unvergeßliche Nacht! Endlich tauchte ein ſtilles Erker⸗ gemach auf. Eine weiße Roſe verwelkte. Ein hoher Mann ſtand an dem Sterbepfühle einer verkümmerten Schönheit, und dieſe ver⸗ hauchte den letzten Seufzer; er aber, er liebte dann auf Erden niemand weiter mehr! Und damals hätte es ſein ſollen, jetzt erſt aber an dem Geſtade des adriatiſchen Meeres ge⸗

ſchah es, daß die Wehmuth endlich als ein anderer Moſes an das gramverſteinerte Herz des Abenteurers pochte, und mit wunderthätiger Hand das Weihwaſſer der Seele, die heilige

Der Montenegriner. 32