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Scutari und die fernen Berge Albaniens, daß man den halben Weg bis zu dem Paſſe zurückgelegt habe.
Endlich tauchte Cattaro auf.
Da lag es vor Lascaris, das neue Bauwerk auf der Stelle des alten römiſchen Ascrivium, nunmehr den heiligen Tryphonius als Schutzpatron verehrend, die ehemalige mächtige Freiſtadt Cattaro, die Wohnſtätte der vielen Grafen, noch ſtammend aus den Tagen der venetianiſchen Herrſchaft, mit ihren ungeheueren Mauern, welche von dem ſchmalen Uferrande nach der auf ſpitzigen Felſen liegenden Veſtung führen, dieſer ſteinernen Erinnerung an die großartigen Befeſtigungsarbeiten der Krieger aus der Lagunenſtadt; mit dem ſtarken Walle und dem tiefen Graben an der Nordſeite; mit ihren drei Thoren, von welchen zwei bei Sonnenuntergang geſchloſſen werden, während der Zugang auf der Seeſeite bis um eilf Uhr und an Tagen, wo das Dampſſchiff landet, bis um Mitternacht offen und verſtattet bleibt; mit ihren zwei griechiſchen Gotteshäuſern, von denen eines in Styl und Bauart den Kirchen in Athen gleicht; mit ihren engen Straßen, mit den zierlichen Häuſern im Geſchmacke der Venetianer gethürmt, an deren ehemalige Herrſchaft wie gewöhnlich der geflügelte Löwe an der Vorderwand erinnert!
Leider blickten aus den hart am Fuße der montenegriniſchen Berge liegenden benachbarten Orten zwiſchen den wohlerhaltenen und zum Theile ſchön und reich gebauten Häuſern der Einwohner hie und da einige ganz häßliche Ruinen von Wohnungen und Kir⸗ chen hervor, die mit ihren rahmenloſen Fenſtern und eingefallenen Dächern wie Todtenſchädel dalagen, und deren zerſtörte Umgebung ſich in dem reizenden Kulturteppich an den Ufern ausnahm wie eine garſtige Narbe oder eine gerupfte Stelle in dem Felle eines ſchön gefleckten Tigers. Und wenn du nach der Geſchichte dieſer Verwü⸗ ſtung fragſt, ſo verklagen alle bei dir die Montenegriner, und nennen dir dies oder ein anderes Annum Domini, in welchem ſie wie ein böſes Hagelwetter von den Gebirgen herunterkamen, dieſe verhee⸗ renden Bergmäuſe, wie ſie von den Türken nicht mit Unrecht genannt werden! Auch jetzt zeigte ſich vor dem öſtlichen Thore Cattaro's der montenegriniſche Bazar, der an die Agora der alten griechiſchen Städte erinnert, der auch/ wie urſprünglich jener Marktplatz, außerhalb der Mauern lag, dieſer Bazar, den die Bergbewohner jeden Dienſtag, Donnerſtag und Samſtag beſuchen dürfen, nachdem ſie aber früher ihre Waffen bis auf ein kleines Dolchmeſſer abgelegt haben.


