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Lessing's Emilia Galotti : ein Trauerspiel in fünf Aufzügen
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augen der Gräfin gutes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich daraus gemacht. Redlich, fag⸗ ich? Nicht ſo redlich, wäre redlicher. Denn, ſagen Sie ſelbſt, Conti, läßt ſich aus dieſem Bilde wohl der Charakter der Perſon ſchließen? Und das ſollte doch. Stolz haben Sie in Würde, Hohn in Lächeln, Anſatz zu trübſinniger Schwärmerei in ſanfte Schwer⸗ muth verwandelt.

Conti(etwas ärgerlich.) Ah, mein Prinz, wir Maler rechnen darauf, daß das fertige Bild den Liebhaber noch eben ſo warm findet, als warm er es beſtellte. Wir malen mit Augen der Liebe; und Augen der Liebe müßten uns auch nur beurtheilen.

Prinz. Ja nun, Conti; warum kamen Sie nicht einen Monat früher damit? Setzen Sie weg. Was iſt das andere Stück?

Conti(indem er es holt, und noch verkehrt in der Hand hält.) Auch ein weibliches Porträt.

Prinz. So möcht' ich es bald lieber gar nicht ſehen. Denn dem Ideal hier(mit dem Finger auf die Stirn) oder vielmehr hier,(mit dem Finger auf das Herz) kömmt es doch nicht bei. Ich wünſchte Conti, ihre Kunſt in andern Vorwürfen zu bewundern.

Conti. Eine bewunderungswürdigere Kunſt giebt

es; aber ſicherlich keinen bewundernswürdigern Ge⸗ genſtand, als dieſen. Prinz. So wett' ich, daß es des Künſtlers eigene Gebietherin iſt(indem der Maler das Bilds unwendet,) Was ſeh' ich? Ihr Werk, Conti, oder das Werk meiner Phantaſie? Emilia Galotti! Conti. Wie, mein Prinz? Sie kennen dieſen Engel?2