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109 die Kinder:„Wo iſt denn Eure Mutter?“ Die kleine Ber⸗ tha ſagte:„Sie hat eben dort Brod zur Suppe eingeſchnitten. Die Schuͤſſel ſteht noch auf dem Tiſche.“
„Ja, ſagte der kleine Othmar, als ſie hoͤrte, daß die Herr⸗ ſchaften kaͤmen, da hat ſie ſich dort zur Thuͤre hinaus gefluͤch⸗ tet, als jagte ſie der Wolf.“ Roſa gieng zur Thuͤre, die aus der Stube in die Kuͤche fuͤhrte, hinaus, und fuͤhrte die Thor⸗ waͤrterin in die Stube.
Das arme Weib ſtand ſehr beſchaͤmt da, als ſie den Ritter Edelbert und Fraͤulein Roſa praͤchtig gekleidet vor ſich ſtehen ſah— und auch ihren Herrn, den geſtrengen Ritter Kunerich, und Hildegard, ihre gnaͤbige Frau, in der Stube erblickte. Sie ward bald blaß und bald roth.„In ein Mausloch, ſagte ſie, moͤchte ich mich vor den gnaͤdigen Herrſchaften verkrie⸗ chen; denn ſie werden nun wohl alle wiſſen, was fuͤr ſaubere Reden in mir ſtecken, und welche ſchoͤne Namen ich oft dem gnaͤdigen Fraͤulein gegeben habe. Allein wenn ich gemußt haͤtte, von weicher hohen Abkunft meine Roͤſe ſey, und zu was fuͤr hohen Ehren ſie noch ferner gelangen werde, ſo haͤtte ich mich freilich ganz anders gegen ſie aufgefuͤhrt.“
Die Frau von Fichtenburg ſagte:„Meine gute Thorwaͤr⸗ terin, der geringſte Menſch iſt goͤttlicher Abkunft; das iſt der hoͤchſte Adel, mit dem ſich kein anderer vergleichen darf. Der aͤrmſte Bettler wird, wenn er anders ein guter Menſch iſt, in jener Welt zu einer Herrlichkeit gelangen, gegen die aller Glanz dieſer Welt nichts iſt. Wir haben alſo wohl urſache, auch dem geringſten Menſchen gut zu begegnen. Ihr empfindet Reue und Schaam, daß ihr gegen Euer ehemaliges Dien ſtmaͤdchen vormals unfreundlich geweſen, da ſie jetzt in veraͤnderter Ge⸗ ſtallt als ein adeliches Fraͤulein vor Euch ſeeht. Noch eine ſchmerzlichere Reue wuͤrde uns quaͤlen, noch eine groͤßere Beſchaͤ⸗ mung uns treffen, wenn wir die Armen hier in dieſer Welt mit Stolz und Verachtuug behandeln, und ſie dann dort in jener Welt in ihrer Herrlichkeit erblicken wuͤrden.“
Die Thorwaͤrterin gab ihr ſehr Recht, und bat das Fraͤu⸗
lein mit vielen Worten und unter reichlichen Thraͤnen um Ver⸗. zeihung. Noſa ſprach zu ihr:„Meine liehe Hedwig! Ich haͤfte
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