Druckschrift 
Rosa von Tannenburg : eine Geschichte des Alterthums für Aeltern und Kindern /erzählt von dem Verfasser der Genovesa
Entstehung
Einzelbild herunterladen

104

ziehen habe. In dieſem Augenblicke, da er dieß ſprach, offnete ſich die Gefaͤngnißthuͤre, und Nitter Kunerich und feine Gemahlin, nebſt dem kleinen Eberhard traten herein. Edelbert und Kunerich boten ſich die ritterliche Rechte und umarmten ſich mit großer Ruͤhrung. Aller Groll war verſchwunden. Sie empfanden die Seligkeit der Ausſoͤhnung ſie gelobten ſich ewige Freundſchaft.

Der gute, menſchenfreundliche Edelbert hatte noch eine beſondere Freude daran, den holden Knaben zu ſehen, dem Roſa das Leben gerettet hatte. Er ſetzte ſich, von den vor⸗ yergegangenen Empfindungen ermuͤdet, auf den ſteinernen Sitz des Gefaͤngniſſes, nahm den Knaben auf den Schooß⸗ blickte ihn mit Thraͤnen in den Augen freundlich an, ſegnete ihn und ſagte:Lieber, holder Knabe! Gott laſſe dich zur Freude deines Vaters und deiner Mutter aufwachſen und einen edlen Mann aus dir werden.

O mein theurer Ritter, ſagte die Mutter des Knaben, Gott gebe, daß der Knabe uns ſo liebe, wie Euch Eure Tochter liebt, und daß er ihr an edlen Geſinnungen gleiche, dann werden wir die gluͤcklichſten Eltern ſeyn.

Der Tag wurde mit einer feſtlichen Abendmahlzeit in dem großen hellerleuchteten Ritterſaale beſchloſſen. Edelbert und Roſa mußten die erſten Stellen an der Dafel einnehmen; Kunerich ſaß neben Edelbert, und Hildegard neben Roſa. Alle Gaͤſte waren ſehr froͤhlich. Den Ritter Kunerich aber hatte man ſeit vielen Jahren nicht ſo vergnuͤgt geſehen. Er ſelbſt betheuerte es und ſprach:So ſeelenvergnuͤgt, wie heute, war ich in meinem Leben noch nie. Meine tolle Feindſeligkeit gegen dich, lieber Edelbert, vergaͤlte mir meine beſten Freu⸗ den. Was iſt es doch etwas Seliges um Eintracht und Friede! Jetzt fuͤhle ich es recht, Haß und Feindſchaft ſtammen aus der Hoͤlle; Liebe und Freundſchaft aus dem Himmel!

Kunerich hatte heute die großen ſilbernen Pokale, die innen praͤchtig vergoldet waren, auftragen und ſie mit dem beſten und aͤlteſten Weine, den er im Keller hatte, fuͤllen laſſen. Bei Edelberts Gedecke aber ſtand der ſchoͤne ſilberne Becher,

aus dem er zu Hauſe auf ſeiner Burg gewoͤhnlich trank.