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Rosa von Tannenburg : eine Geschichte des Alterthums für Aeltern und Kindern /erzählt von dem Verfasser der Genovesa
Entstehung
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Ritter Edelbert befand ſich in jenen unruhigen, kriegeri⸗ ſchen Zeiten wenig auf ſeinem Schloſſe, er begleitete den Her⸗ zog auf deſſen Kriegszugen, und war oft Jahre lang im Fel⸗ de. Mathilde fand waͤhrend der Abweſenheit ihres Gemahls ihre ſuͤßeſten Freuden in der Geſellſchaft ihres einzigen Kin⸗ 6 des, eines zarten Fraͤuleins, das Roſa hieß, und an treffli⸗ chen Geiſtesgaben und Schoͤnheit der Geſtalt der Mutter glich. Dieſes hoffnungsvolle Kind gut zu erziehen, war die groͤßte Angelegenheit der liebenden Mutter. Ihre Erziehungsart war ſehr einfach, aber vortrefflich; da ſie ſelbſt von Herzen fromm und gut war, ſo konnte es ihr nicht ſchwer werden, auch ih⸗ re Dochter fromm und gut zu erziehen. Die fromme Mutter lehrte ihre Tochter vor allem Gott kennen, und ſuchte eine recht kindliche Liebe zu⸗ dem Vater im Himmel in ihr zartes Herz zu pflanzen. Die edle Frau hatte Sinn und Gefuͤhl fuͤr die herrlichen Werke Gottes, und konnte ſie mit großer Andacht betrachten und ſich von Herzen daruͤber freuen. Von dem hohen Bogenfenſter ihrer gewoͤhnlichen Wohnſtube, an dem ſie viele Stunden des Ta⸗ ges bei ihrer Arbeit zubrachte, hatte man eine prachtvolle Ausſicht. Himmel und Erde gewaͤhrten, von dieſer Hoͤhe betrachtet, einen unbeſchreiblich ſchoͤnen, herzerhebenden An⸗ blick, und gaben der guten Mutter mannigfaltige Gelegen⸗ heit, ihre Tochter auf die Weisheit, Guͤte und Allmacht Gortes in ſeinen Werken aufmerkſam zu machen.

Mathilde weckte zum Beiſpiele einmaf an einem herrli⸗ chen Sommermorgen die kleine Roſa ſehr fruhe.O komm doch, Roſa, rief ſie, und ſieh, wie ſchoͤn heute die Sonne aufgeht! Sieh, ſagte ſie und oͤffnete das Fenſter, wie da, wo jetzt die Sonne heraufkommen wird, der Himmel ſo helle gluͤht! Sieh, die zarten Woͤlkchen umher glaͤnzen vom feu⸗ 1 rigſten Roth, und die fernen Schneegebirge, dort uͤber den dunkelgruͤnen Waldungen, gleichen Gebirgen von Gold. Sieh jetzt jetzt geht die Sonne auf! O welch ein wunderbarer Gott, der ſie und alles, was ihre Strahlen beleuchtet, hervorgebracht hat! Sieh, der Kirchenthurm ds druͤben ragt wie dergoldet aus dem Walde von Obſtbaͤu⸗