*
——
—
——
b X 42
283
„Meine Freunde,“ ſagte ein junger Mann, der von der glühendſten Vaterlandsliebe begeiſtert ſchien, hört an, womit die Ruſſen Europa täu⸗ ſchen!
„Die größte Ordnung herrſcht noch immer in Litthauen; dieſe Pro⸗ vinz, ſowie Wolhynien, Podolien und die Ukraine ſind ganz ruſſiſch und theilen nicht Hoffnungen und Wünſche nationaler Unabhängigkeit ihrer Brüder im Königreich; in dem gegenwärtigen Kampfe machen ſie mit den Ruſſen gemeinſchaftliche Sache, ſo innig und feſt iſt ihre Ver⸗ einigung mit Rußland.“
„O wie nichtswürdig!“ riefen Alle.
„Sie haben noch nicht genug daran, uns zu tödten, uns hinzuſchlach⸗ ten, ſie müſſen uns auch noch in den Augen Europa's ehrlos machen!“
„Wir ſind die Stärkeren!“ rief ein Greis;„die Bevölkernng des alten Polens beträgt zwei Fünftheile der ganzen Bevölkerung auf dem achten Theile des Bodens, die moskowitiſche Race den dritten Theil der Geſammt⸗Bevöl⸗ kerung auf dem zehnten Theile des Landes, alſo befindet ſich ſelbſt heute noch das polniſche Element in ſehr großer Majorität dem anderen gegenüber. Dieſe Zahlen ſind von ergreifender Beredtſamkeit. Die Polen zählen ſich wie die Sclaven des Alterthums, und aus der Kenntniß ihrer Anzahl ſchöpfen ſie die Gewißheit des Erfolges. Dreiundzwanzig Millionen Einwohner, Männer, Frauen, Kinder, Greiſe, werden zehn Armeen in's Feld ſtellen, die der ruſſiſchen gleich ſind.“
„Meine Freunde,“ ſagte ein Soldat der Compagnie von Stanislas Tarnow,„ich habe erfahren, daß Nazinoff zum Gouverneur von Wilna ernannt worden iſt.“
„Es iſt fürchterlich!“
„Bittet Gott,“ unterbrach eine Stimme,„daß Ihr Euch nicht nach dem General Nazinoff zurückſehnen müßt!“ 4
„Es iſt wahr,“ verſetzte ein Anderer,„kaum ernannt, ſpricht man ſchon davon, ihm einen Nachfolger zu geben.“
„Einen Nachfolger? Alſo, Murawiew? wir ſind verloren!“
„Verloren?“ rief ein junger Mann, der eben hinzutrat,„verloren, ſagt Ihr? niemals! Je mehr Henker Polen hat, die ſich zu ſeinem Untergange verſchworen haben, deſto mehr Vertheidiger wird es haben, die zu ſeiner Befreiung verbunden ſind.“
Aller Hände legten ſich an die Mütze zum militairiſchen Gruß.
„Oberſt,“ ſagte ein junger Offizier,„bringen Sie uns gute Nach⸗ richten?“
„Ja, meine Freunde,“ erwiderte der Angekommene,„die Syupathieen Frankreichs, meines Vaterlandes und des ganzen Europa!“
Dieſer junge Mann war Francois Rochebrun, Oberſt der polniſchen
1
—— ——


