259
Unſere Feder ſträubt ſich, den Schmerz zu ſchildern, der auf jedem Antlitz ausgeprägt war und das krampfhafte Schluchzen zu beſchreiben, das ſich jeder Bruſt entrang.
Die zwiſchen zwei Koſakenreihen zuſammengepreßten Conſeribirten wag⸗ ten es kaum, den Kopf zu erheben, um einen Liebesblick ihrer Angehörigen erhaſchen zu können; ihre ſchüchternen Augen ſchielten verſtohlen nach den ſchmerzerfüllten Gruppen hin, während ihre vor Furcht regungsloſen Hände nicht einmal einen Abſchiedsgruß zu winken vermochten.
Mittlerweile war der Sergeant Vingertow an der Spitze ſeiner zehn Mann nach Warſchau zurückgekehrt und durchſuchte die Stadt in allen Rich⸗ tungen. Er begab ſich nach dem Hauſe hin, in welchem die Mutter des Flüchtlings wohnte, denn der Entflohene war kein Anderer, als Chriſtian, der Verlobte der Beatrix.
Ein furchtbarer Kolbenſchlag erſchütterte die Hausthür.
Keine Antwort erfolgte.
„Aufgemacht!“ rief der Sergeant mit gebieteriſcher Stimme.
Noch immer daſſelbe Schweigen.
Ein zweiter Kolbenſchlag folgte dem erſten, ohne jedoch einen beſſeren Erfolg herbeizuführen.
„Hurtig, Kameraden, ſchlagt die Thür ein, man muß ſich gewaltſam in die Höhle drängen, um den Fuchs außzufinden; ich denke, daß er nicht verſchmitzter ſein wird, als wir.“
Die Untergebenen des Sergeanten folgten dem erhaltenen Befehle und die kleine Abtheilung drang in das der Hausflur zunächſt gelegene Zimmer.
Kein Licht erhellte daſſelbe; in dem Kamin war kein Feuerfunke zu erblicken; der Sergeant ließ eine Fackel anzünden.
Das Zimmer war gänzlich verlaſſen, es enthielt nur einige alte Meu⸗ bles, einen wurmſtichigen Tiſch und mehrere Lithographieen.
„Hört einmal!“ rief der Sergeant,„zwei von Euch bleiben hier und da⸗ mit Keiner aus dem Hauſe entwiſche, bewacht ſorgfältig die Thür. Ihr Andern folgt mir, denn ich wette, daß der Schurke ſich nirgends anders, als hier, bei ſeiner Mama, verborgen hält; heutzutage kann er auf Gaſtfreundſchaft in fremden Häuſern nicht rechnen, denn ſie iſt gar zu koſtſpielig.“
Mit einem Fußtritt zerſprengte er die Verbindungsthür zwiſchen dieſem und dem angrenzenden Zimmer; aber auch in dem letzteren begegneten ſie Niemand. Der Sergeant ging zu den Fenſtern und fand dieſelben herme⸗ tiſch verſchloſſen.
„Nach dieſer Seite hin hat er nicht entfliehen können,“ bemerkte der Sergeant,„laßt uns hinaufgehen!“
Das erſte Stockwerk wurde mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt durch⸗ ſucht, alle Schränke wurden geöffnet, jeder Winkel durchſpäht, mit der Spitze
171*
„


