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Sigismund Krotowski war der Sprößling einer in ruſſiſch Polen reich⸗ begütert geweſenen adligen Familien, und zählte jetzt zweiundzwanzig
Jahre. Sein Vater hatte ſich bei den im Jahre 1848 in Polen ansgebro⸗
chenen Unruhen ſtark compromittirt— die Verbannug nach Sibirien und damit verbunden der bürgerliche Tod, ſtand ihm ſicher bevor, wenn nicht gar ſein Leben dem Henker verfallen war— nur mit Mühe und unter Gefahren gelang es ihm jedoch, ſich dieſem Schickſale durch die Flucht nach Paris zu entziehen, wohin er ſeine Familie, d. h. ſeine Gemahlin mit dem kleinen Sigismund, ſeinem einzigen Sohne, bereits längere Zeit vorher, als die Unruhen einen bedenklichen Charakter anzunehmen ſchienen, voraus⸗ geſchickt hatte.
Da man ſeiner Perſon nicht habhaft werden konnte, ſo zog die ruſſiſche Regierung, wie ſtets in ſolchen Fällen, Krotowski's Güter ein und machte dieſen dadurch zum armen Manne.
Freilich hatte der Flüchtling eine bedeutende Summe in baarem Gelde gerettet; er ſelbſt aber ſowohl wie ſeine Gemahlin waren zu ſehr an das luxuriöſe Leben der polniſchen Magnaten gewöhnt, als daß ſie es verſtanden haben ſollten, durch wirkſame Einſchränkungen es dahin zu bringen, daß dieſes Capital ihren Bedürfniſſen fortdauernd entſprach. Bald gerieth Kro⸗ towski in Verlegenheiten und nicht lange nachher klopfte ſogar die Noth, die ſchlimmſte Gefährtin in der Verbannung, an ſeine Thür. Jetzt raffte er ſich auf. Er ertheilte Unterricht in der polniſchen und ruſſiſchen Sprache — denn er war, wie die meiſten vornehmen Polen, ein Mann von gründ⸗ licher Bildung— er ſcheute keine Arbeit, um Geld zu erwerben, nicht nur zur Beſtreitung ſeines Haushalts, der nun freilich ſehr hatte beſchränkt wer⸗ den müſſen, ſondern auch für die Erziehung ſeines einzigen Sohnes, den er ſehr liebte.
Der junge Krotowski, noch ein Knabe, fügte ſich mit der Elaſticität des kindlichen Gemüths in den Umſchwung der Verhältniſſe ſeiner Familie, hatte er doch die Vorzüge des Reichthums und der vornehmen Stellung kaum mit Bewußtſein genoſſen. Er entwickelte ſich vielmehr körperlich wie geiſtig außerordentlich gut, machte auf dem Lyceum, welches er beſuchte, ſchnelle Fortſchritte, und entſchied ſich früh für das Studium der Medizin, dem er ſich ſpäter auch wirklich widmete, obwohl ſein Vater ihn am lieb⸗ ſten zu einem Manne des Degens herangebildet hätte.
Die angeſtrengte Thätigkeit und die beſtändigen Sorgen, rieben aber die Kräfte des älteren Krotowski dergeſtalt auf, daß er, obwohl bei ſeiner Ankunft in Paris erſt ein kräftiger Dreißiger, ſchon zehn Jahre ſpäter, als Sigismund ſein ſiebzehntes Jahr erreicht hatte, an der Auszehrung ſtarb— ſeine Gemahlin, die ihm bis zum letzten Augenblick treu zur Seite geſtanden hatte, folgte ihm ein Jahr ſpäter nach. Sigismund ſtand nun, eine Waiſe


