Sie auch wiſſen, daß ſchwere Krankheit mich an mein Lager feſſelte, als die polniſchen Jünglinge von Paris, theils aus eignen Mitteln, theils von Pa⸗ trioten und Polenfreunden ausgerüſtet, ausgezogen, um für die heilige Sache zu kämpfen— und allein zu gehen,“ ſetzte er zögernd und faſt beſchämt hinzu,„fehlen mir die Mittel! Weshalb alſo“— und jetzt klang in ſeinem Tone die Gereiztheit eines edlen Herzens, dem man ungerecht begegnet, an —„weshalb alſo Vorwürfe, wo ich Mitleid mit meinem Gram, Hülfe für meine Ohnmacht erwarten darf!“
Der Unbekannte hatte ſchweigend zugehört— wäre nicht der verhül⸗
lende Mantel und die Finſterniß geweſen, ſo hätte der junge Pole ein Lächeln der Befriedigung und des Beifalls auf ſeinen Lippen bemerken können.
„Gut!“ ſagte er dann einfach.„Das Vaterland verlangt jetzt Ihre Dienſte, ſind Sie bereit?“
„Zu jeder Stunde,“ antwortete Sigismund Krotowski.
„Alſo auch heut?“
„Auch heut. Aber wie—“
„Keine Frage. Sie haben zu gehorchen!“
„Ich werde gehorchen, obwohl ich nicht begreife—“
„Sie werden begreifen. Nehmen Sie dies“— damit überreichte der Unbekannte dem jungen Polen einen kleinen Gegenſtand, der dem Gefühl nach eine Karte war,—„und finden Sie ſich um neun Uhr an der darauf bezeichneten Stelle ein.“
„Und dann?“ fragte Sigismund.
„Das Weitere werden Sie hören. Für jetzt leben Sie wohl!“
Und ehe Sigismund noch Zeit hatte, eine weitere Bemerkung zu machen, war der Fremde im Mantel verſchwunden. Der Vorſprung des Hauſes, bei welchem die eben beſchriebene Scene ſtattgefunden, hatte ihn ſchnell dem Blicke des jungen Mannes entzogen. Wenige Secunden lang hörte er noch die ſchnellen, ſich entfernenden Schritte, bis auch dieſe allmälig verhallten.
Verwundert ſtand Sigismund allein und überdachte ſchnell den geheim⸗ nißvollen Vorgang.
Jedenfalls hatte ihn der Fremde hier in dieſem Winkel der Straße er⸗ wartet, ſonſt hätte er, bevor er angeredet wurde, Schritte hinter ſich hören müffen. Er kannte alfo ſeine Wohnung, er wußte, wann er nach Haus zu kommen pflegte, er kannte ihn ſogar genauer, denn er hatte von einem Mädchen, in deſſen Armen er die Zeit verträumen ſollte, von der Lanzette geſprochen, die er in den Hospitälern von Paris handhabte.
Er wußte, daß er Medizin ſtudirte!
Er wußte von ſeiner Henriette!
Aber was für eine Karte war es, die ihm der Fremde gegeben, und wo ſollte er um neun Uhr ſich einfinden.


