Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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Ein ſicherer Geſchmack war ihr in der Harmonie ihrer Seelenfaͤhigkeiten an⸗ geboren. Ihr Gefuͤhl ward nicht ſelten ein beſtimmendes Urtheil fuͤr ihn. Der Widerwille gegen alles Gemeine lag in ihr wie in ihm.

Sie war das Weib, deſſen er bedurfte. Er konnte auf den klaren Grund dieſer Seele ſchauen, in der nichts Verborgenes lag, ja, der es unmoͤglich war, ein Wort anders, denn als treues Bild ihrer Gefuͤhle und Gedanken auszuſprechen. Der erfriſchende Hauch bluͤhender Fantaſie wehte durch ihr Leben, und ihre Begleiterin, die Hoffnung, erhielt in Charlotten die Schillern ſo wohlthaͤtige Heiterkeit. Selbſiſtaͤndigkeit und Charakter vermoͤgen ſich gegen die oft harte Nothwendigkeit zu ſtemmen, aber der Zauber des Umgangs entquillt nur jenen Himmelskraͤften.

Charlottens Briefe haben eine eigne Grazie. Alles Ernſte und Große erfaſſend, doch die Kleinigkeiten des taͤglichen Lebens fein fuͤhlend und im heitern, oft komiſchen Sinne haltend, ſtellen ſie den gegenwaͤrtigen Moment klar und anmuthig dar.

Nach Schillers Tode lebte ſie der Erziehung und Leitung des Lebens⸗ ganges ihrer vier gut gearteten und talentvollen Kinder. Sie erlebte noch die Freude, ihre beiden Soͤhne gluͤcklich verheirathet zu ſehen. Ihre letzten Lebensjahre waren durch Schwaͤche der Augen, die mit voͤlliger Blindheit be⸗ drohte, getrübt. Sie ertrug auch dieſes Ungluͤck mit Muth und Ergebung, genoß noch heitre Tage mit ihren Kindern im Kreiſe wuͤrdiger Freunde aus Schwaben. Nach einer gelungenen Augenoperation, die ihr das Wiederge⸗ winnen des Geſichts verſprach, beſiel ſie ein Nervenſchlag. Sie ſtarb in den Armen zweier ihrer Kinder, in Bonn, im Julius 1826. Ihre letzten Stunden waren ſanft. Bei entſchwundener klarer Beſonnenheit fuͤhlte ſie die Trennung von den Ihrigen nicht und verſchied in freundlichen Fantaſien. Wer ſich von den geiſt⸗ und gemuͤthvollen Zuͤgen ihres Bildniſſes angezogen fuͤhlt und ihren milden Einfluß auf das Leben des großen Dichters verfolgen will, kann Charlotten in Schillers Leben, aus den Crinnerungen ſeiner Freunde geſchoͤpft, naͤher kennen lernen.