Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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Der Künſtler iſt zwar der Sohn ſeiner Zeit, aber ſchlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günſtling iſt. Eine wohlthätige Gottheit reiße den Saͤug⸗ ling bei Zeiten von ſeiner Mutter Bruſt, naͤhre ihn mit der Milch eines beſſern Alters und laſſe ihn unter fernem grie⸗ chiſchen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden iſt, ſo kehre er, eine fremde Geſtalt, in ſein Jahrhundert zurück, aber nicht, um es mit ſeiner Er⸗ ſcheinung zu erfreuen, ſondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edlern Zeit, ja, jenſeits aller Zeit, von der abſoluten, unwandel⸗ baren Einheit ſeines Weſens entlehnen. Hier, aus dem reinen Aether ſeiner dämoniſchen Natur, rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangeſteckt von der Verderbniß der Geſchlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in truben Strudeln ſich wälzen. Seinen Stoff kann die Laune ent⸗ ehren, wie ſie ihn geadelt hat, aber die keuſche Form iſt ihrem Wechſel entzogen. Der Römer des erſten Jahrhun⸗ derts hatte längſt ſchon die Knie vor ſeinen Kaiſern gebeugt, als die Bildſäͤulen noch aufrecht ſtanden; die Tempel blieben dem Auge heilig, als die Götter längſt zum Gelaͤchter dien⸗ ten, und die Schandthaten eines Nero und Commodus be⸗ ſchämte der edle Styl des Gebandes, das ſeine Huͤlle dazu gab. Die Menſchheit hat ihre Würde verloren, aber die Kunſt hat ſie gerettet und aufbewahrt in bedeutenden Stei⸗ nen; die Wahrheit lebt in der Täuſchung fort, und aus dem Nachbilde wird das Urbild wieder hergeſtellt werden. So wie die edle Kunſt die edle Natur überlebte, ſo ſchreitet ſie derſelben auch in der Begeiſterung, bildend und erweckend, voran. Ehe noch die Wahrheit ihr ſiegendes Licht in die

Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 3