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Theoretiker glauben oder doch ſagen mag. Und daß die Talente auf einander neidiſch ſein koͤnnen, eine Unwuͤr⸗ digkeit, welcher ſie nie und nirgends entgangen ſind, dies iſt ein traurig Zeugniß, wir ſeien in der Menſchenge⸗ ſchichte noch niemals auf jener Hoͤhe der Anſchauung ge⸗ weſen, auf welcher alle Arten goͤttlicher Offenbarung im Menſchen gleich hoch gewuͤrdigt werden.
Oder war es in jener Renaiſſance⸗Zeit nicht bloß die Kraft der Talente, war es die Jugend und der jugendliche Enthuſiasmus derſelben, welche die üͤbervolle Hervorbrin⸗ gung vor Schwulſt bewahrte? Ach, es iſt ſo leicht, irgend eine neue Erklaͤrung hinzuwerfen! Und daneben bleibt
das Wunder ſtehen, unberührt, unerklaͤrt in ſeiner Seele, das Wunder der Raphael'ſchen Zeit. Mitten aus einer bis zum Tode uͤberreifen, durch bloßes Raffinement uͤber⸗ reifen Welt, welche allen Glauben erſchoͤpft hat, und nur mit einem Aberglauben taͤndelt, deſſen ſie ſich bewußt iſt, mitten in einer im höchſten Princip bereits aufgeloͤſten und durch die aufſtehende Reformation am Leben bedrohten Welt erwachen die Kuͤnſte in hoͤchſter, noch niemals wie⸗ der erreichter Vollendung, mitten in jener principiellen Nichtigkeit malt Raphael mit einer bezaubernden Reinheit des Geſchmackes, mit einem himmliſchen Zauber der Schoͤnheit! Und zwar einer Schoͤnheit, die zuͤchtig und ſinnlich zugleich den Moͤnch und den Lebemann gleichmaͤßig entzuͤcken kann, als ob Gott ſelbſt ſeine Menſchen gemalt haͤtte mit dem Reize der Keuſchheit und Sinnlichkeit, welche er beide in ſie gelegt. Woher ward dieſem ſanft leichtſinnigen Kuͤnſtler, der laͤchelnd und genießend unter


