☛ 293&
der Kummer den Ausdruck tiefen Leidens in ihren bleichen Zügen zurückgelaſſen hatte.
Die junge, liebliche Konſtanze ſaß auf einem niederen Lager; ein Kind, erſt ſechs Wochen alt, lag an ihrem Buſen. Der Ernſt des Lebens hatte ihren fröhlichen Geiſt bereits gedämpft und hatte die Roſe von ihren Wangen genommen. Ihr nieder geſchlagener Blick ſuchte nicht mehr den Beifall An⸗ derer, ſie fand reichliche Freude in dem ruhigen Lächeln ihres neugeborenen Kindes.
Welch einen Wechſel hatten wenige kurze Mo⸗ nate bei ihr gewirkt! Eine junge Mutter iſt weit glücklicher als eine neue Braut. Die Aufgabe des Daſeyns iſt eine andere; die Selbſtliebe verliert ſich in der Liebe zum Kinde, und weibliche Neigung hat die reinſte Geſtalt angenommen, deren ſie fähig iſt; die wilde Ueppigkeit der Jugend wird gemildert durch den heiligen Anblick des neugeborenen Kindes, deſſen Körper und Seele der ſtets wachſamen Sorge einer Mutter anvertraut ſind.
Die zwei jungen Mütter, die ſo bei einander wohnten, bildeten ein ſchönes, rührendes Gemälde. Konſtanze konnte der Hoffnung, Ella der Ergebung verglichen werden. Die Eine hatte bereits tiefes Leiden erfahren; die Andere zitterte in der Beſorgniß


