Tugend muß ſich ſelbſt belohnen,“ ſagte die Ba⸗ roneſſe mit Wärme.
„Nein, Mutter, ich bin nicht ſo ſanguiniſch. Aber zufrieden werde ich ſeyn,“ bemerkte ſie mit einem Blicke trauriger Ergebung.
„Verliere die Wahrheit nicht aus den Augen, daß ein Weib, welches geliebt wird, unendlich mehr Glück zu erwarten hat, als ein Weib, das allein liebt. Bewahre dieſen Satz in Deinem Gedächtniß. Er mag Dir weltlich ſcheinen, aber er iſt gleichwohl wahr. Gedenke ſtets, daß Du dem Fürſten theuer biſt und laſſe ihn nie vermuthen, daß er Dir nicht eben ſo theuer ſey. Dies iſt das Hauptgeheimniß weiblicher Herrſchaft, und was unendlich beſſer iſt, weiblichen Glückes.“
„Und darf ich denn glauben, daß die Macht des Weibes in der Schwäche des Mannes begründet iſt, und daß es Fälle geben kann, in denen unſere größte Stärke in der Verheimlichung liegt? Ach, kann es Tugend ſeyn, zu verläugnen?“ rief Ella bekümmert.
„Nein, aber es iſt ſchwieriger ſich zu enthalten, als zu handeln; Zurückhaltung iſt das Hauptgeſchäft des Weibes. Ich will nicht Verheimlichung anrathen, aber ich empfehle eine würdige Zurückhaltung. Ge⸗ brauche Deine Ueberlegung, Deine Thatkraft. Der 16*


